Bücherregal

Auf dieser Seite werde ich in Zukunft in aller Kürze Bücher vorgestellt, die ich gerade selbst gelesen habe und die mich beschäftigen. Die aktuellste Kurzkritik steht immer direkt in der Sidebar, alle älteren Besprechungen sind hier versammelt.

Cover Sophia oder Der Anfang aller GeschichtenRafik Schami: Sophia oder Der Anfang aller Geschichten, Hanser 2015
Der ehemalige syrische Widerstandskämpfer Salman flüchtete dereinst vor dem Assad-Clan nach Deutschland und landete schließlich in Rom. Eine Amnestie lockt ihn nach Jahrzehnten in die schmerzlich vermisste Heimat, doch in Damaskus wird er verraten und muss untertauchen. Während in Tunesien der Arabische Frühling beginnt, findet Salman Unterschlupf bei Karim, der alten Liebe seiner Mutter Sophia. In Schamis Roman ersteht das alte Syrien noch einmal auf: die blühenden Städte Damaskus und Homs, die lebendigen Straßen und Märkte, das Essen und die Musik und nicht zuletzt seine Menschen. Beim Lesen ist der Gedanke schwer zu verdrängen, dass es das alles nicht mehr gibt. Schami, der brillante Erzähler, verklärt die Vergangenheit nicht, sondern schildert, was unter der Herrschaft der Assads jahrzehntelang Realität war: Schikanen, Willkür und Folter ebenso wie die Auswirkungen religiösen Fundamentalismus‘. Was bleibt, trotz all der Schrecken, ist der Sinn für Schönheit und zuallererst: die Liebe und Güte der Menschen.

Cover Bilder deiner großen Liebe

Wolfgang Herrndorf: Bilder deiner großen Liebe, Rowohlt 2014
Dieses Buch kann man eigentlich nicht lesen, ohne berührt zu sein, und das nicht nur, weil es Wolfgang Herrndorfs letztes Werk ist, das er vor seinem Tod nicht mehr abschließen konnte. Isa, das verrückte Müllmädchen aus „Tschick“, ist auf der Wanderung, und man weiß nicht, wohin. Vielleicht weiß sie es eigentlich selbst nicht. In diesem schmalen Band scheint alles enthalten zu sein, was das Leben ausmacht. Schönheit und Schrecken. Angst und Glück. Freiheit und Verantwortung. Wolfgang Herrndorfs Vermächtnis ist ein Buch über das Leben und über den Tod – auf nicht mehr als 129 Seiten.

 

Cover Rabenliebe

Peter Wawerzinek: Rabenliebe, Galiani 2010
Der bewegende Bericht einer elternlosen Kindheit und Jugend. Der Protagonist wächst in DDR-Kinderheimen auf und wird in verschiedenen Familien herumgereicht, die allesamt nicht in der Lage sind, einen Ersatz zu bieten. In konzentrischen Kreisen und einem atemlosen Stil, der einen nicht loslässt, nähert sich der Autor der Leerstelle der Mutter, die ihre Kinder zurückließ und in den Westen in ging. Was macht das mit einem Menschen? Kann dieser Mangel nachgeholt werden, kann eine solche Beziehung nach fünfzig Jahren wieder aufgenommen werden? Peter Wawerzinek zeigt auf bewegende Weise, dass diese Fragen nicht leicht zu beantworten sind. Die Leerstelle bleibt.

 

Viola Roggenkamp: Tochter und Vater, S. Fischer 2011
Der Held, der keiner war. Nachdem Viola Roggenkamp in „Familienleben“ auf großartige Weise die Absurditäten des Lebens einer jüdisch-nichtjüdischen Familie im Hamburg der Sechzigerjahre beschrieben hat – inklusive der Überbehütung durch die jüdische Mutter und dem „Theresienstädter Kränzchen“ der Großmutter –, setzt sie sich in der Fortsetzung „Tochter und Vater“ intensiv mit der Beziehung zu diesem Vater auseinander. Damals rettete er die jüdische Geliebte und ihre Mutter und wurde so zum Held der Familie. Doch als starke Figur vermag die Tochter ihn nicht zu erinnern, und so macht sie sich nach seinem Tod auf die Spurensuche. Wie schon im Vorgängerroman hat Viola Roggenkamp auch hier einen sehr persönlichen und doch erfrischenden Blick auf die komplizierten Verhältnisse zwischen Deutschland und Israel, Juden und Nichtjuden, auf Ängste, Traumata und die Frage nach einer eigenen Identität inmitten eines solchen Chaos.

Andromeda Romano-Lax: Der Bogen des Cellisten, Berlin Verlag 2010
Eine breit angelegte fiktive Musikerbiografie, die sich an das Leben des Cellisten Pablo Casals anlehnt. Feliu Delargo wächst in einem katalanischen Dorf auf und entpuppt sich als musikalisches Talent. Sein ganzes Leben trägt er den Cellobogen mit sich, den ihm sein früh verstorbener Vater vererbt hat. Er begleitet ihn nach Barcelona und an den Königshof in Madrid, später ins kubanische Exil. Die Autorin lässt die Leserin nicht nur in musikalische Welten abtauchen, sondern breitet spannend geschrieben vor dem Hintergrund eines eigenwilligen Musikerlebens die spanische Geschichte des 20. Jahrhunderts aus. Felius unerfüllte Liebe zur tragischen Geigerin Aviva wirkt dabei wie ein Bild für die traurige Liebe zum schicksalsgebeutelten Heimatland auf dem langen Weg in die Freiheit.

 

9783455401165Nicol Ljubic: Meeresstille. Hoffmann und Campe 2010
Der in Deutschland aufgewachsene Halbkroate Robert verliebt sich in die Serbin Ana. Dann erfährt er, dass ihr Vater als Kriegsverbrecher in Den Haag vor Gericht steht. Vor dem Hintergrund dieser zum Scheitern zum verurteilten Liebesgeschichte breitet Nicol Ljubic ein Panorama des Bosnienkriegs aus, vor allem seiner Folgen für die Menschen. Ein Buch, das an die Schmerzgrenze geht, keine einfachen Antworten gibt und einen lange nicht loslässt.

 

 

Murakami-CoverHaruki Murakami: Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki. Dumont Buchverlag 2014
Ein klassischer Murakami, mit dem man nichts falsch machen kann. Tsukuri Tazaki wird überraschend aus seiner Jugendclique ausgestoßen, ohne dass er dafür eine Erklärung erhält. Erst Jahre später macht er sich auf die Suche nach der Wahrheit. Alles ist da, was man von Murakami erwartet: Melancholie und Musik, eine Liebesgeschichte, ein bisschen Philosophie und eine Prise Mystik. Trotzdem hat man am Ende das Gefühl, das etwas von dem fehlt, das seine frühen Erfolge ausmachte.

 

 

Cover Wann wird es endlich wieder so, wie es nie warJoachim Meyerhoff: Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war. Kiepenheuer & Witsch 2013.
In der Fortsetzung seines Romans „Alle Toten fliegen hoch“, die zugleich der chronologische Vorgänger ist, erzählt Joachim Meyerhoff vom Aufwachsen in einer Psychiatrie – als Sohn des Direktors. Eigentlich eine Vater-Sohn-Geschichte und zugleich ein Erinnerungsprojekt, skurril, traurig und doch lebensfroh und kraftvoll.

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