Der Traum von Europa: Maria Schraders Film „Vor der Morgenröte“ über Stefan Zweig

Manchmal treffen Ereignisse in unerwarteter, ungeplanter Ironie zusammen. Einen Tag, nachdem sich Großbritannien dafür entschieden hat, die EU zu verlassen, sitzen wir im Kino, und Josef Hader als Stefan Zweig spricht diese Sätze: „Ich glaube an ein freies Europa, dass Grenzen und Pässe eines Tages der Vergangenheit angehören. Ich bezweifle allerdings, dass wir das noch erleben werden.“ Das war 1941, im brasilianischen Exil. 75 Jahre später kann man meinen, dass dieser Traum schon wieder ausgeträumt ist. Der österreichische Schriftsteller Zweig nannte sein letztes Buch, das er im Exil verfasste, „Die Welt von Gestern. Erinnerungen eines Europäers“. Auch das ist ein Buchtitel, den es heute beinahe auch wieder so geben könnte. Wir wollen es nicht hoffen. Zweigs Erinnerungen erschienen posthum – er nahm sich gemeinsam mit seiner zweiten Frau im Exil das Leben. Maria Schrader hat sich behutsam und klug den letzten Jahren des großen Europäers genähert. Sie kann dabei kaum beabsichtigt haben, welche Aktualität ihr Film zur Zeit seines Erscheinens bekommen sollte.

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© X Verleih, Stefan Zweig (Josef Hader) in Petrópolis

Eindrücklich wird die Verlorenheit des Intellektuellen im Exil in fast allen Szenen von „Vor der Morgenröte“. Wir sehen einen Mann des Wortes, der mehr und mehr verstummt, überraschend leise dargestellt vom österreichischen Kabarettisten Josef Hader. Aus den Worten seiner ersten Frau Friderike Zweig (die wunderbare Barbara Sukowa), die er in New York trifft, wird am meisten deutlich, was es für Menschen bedeutet, ihre Heimat zu verlassen und in eine ungewisse Fremde aufzubrechen. Sie schildert die chaotischen Zustände am Bahnhof in Paris, die überfüllten Züge, die Verzweiflung derjenigen, die nicht mehr mitkommen, die Flucht zu Fuß über die Pyrenäen. Man kommt als Zuschauer nicht umhin, Parallelen zur Gegenwart zu ziehen. Ihr Mann, der große Schriftsteller, sitzt erschlagen dabei, überfordert mit der Menge der Bittbriefe von Freunden und Bekannten aus der alten Welt, denen er ein Visum verschaffen soll. „Ein halber Kontinent möchte auf einen anderen flüchten, wenn er nur könnte.“

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© X Verleih, Stefan (Josef Hader) und Friderike Zweig (Barbara Sukowa) in New York

Stefan Zweig stammt aus dieser alten Welt, und er hat den Schritt in die neue nie geschafft. Er war Europäer durch und durch, ganz im geistigen Sinne. Im Wien der Jahrhundertwende aufgewachsen, hat er den Geist dieser Epoche als großbürgerlicher Sohn von Anfang an in sich aufgesogen. Zweig publizierte früh Gedichte und Novellen und wurde schnell als Schriftsteller, Feuilletonist und Übersetzer berühmt. Er bereiste die Welt, schloss überall Freundschaften und Kontakte, die sich durch sein Leben und seine Karriere ziehen sollten. Wie für andere seiner Dichterkollegen auch, war der Erste Weltkrieg ein tiefer Einschnitt in diese offene, hochgeistig beflügelte Welt. Zweig war schockiert von diesem Erleben, es hat ihn bis ans Ende geprägt und zum radikalen Pazifisten gemacht.

Durch diese beiden Erfahrungen, die Weltoffenheit und die Schrecken des Krieges, entwickelte der Dichter sein Ideal eines humanistischen Weltbürgers, das für ihn zutiefst mit Europa verbunden war. Zweig war klug und empfindsam genug, um früh zu begreifen, was die Machtergreifung der Nationalsozialisten für dieses Ideal bedeutet. Er emigrierte schon 1934 nach London, 1940 dann nach New York. Schließlich blieb er zusammen mit seiner zweiten Frau Lotte in Brasilien – ausgerechnet Brasilien, eine Diktatur mit einem antisemitischen Machthaber, der den berühmten Schriftsteller nur aufnahm, damit dieser ein Buch über sein Land verfasste. Stefan Zweig kam nie wirklich an, auch wenn er von Brasilien fasziniert war. Er blieb im Exil, entwurzelt, einsam und der Welt beraubt, an die er geglaubt und für die er gelebt hatte. Am 22. Februar 1942 wählte er zusammen mit seiner zweiten Frau den Tod.

Die Filmemacherin Maria Schrader hat sich der letzten Monate des Dichters im Exil angenommen und diese in unprätentiösen, oft dokumentarisch wirkenden Bildern aufgenommen. In sechs Stationen sehen wir dem Müden, Verzweifelten dabei zu, wie er einfach keinen Halt findet, zusehends auch in die innere Emigration abgleitet. Auch das politische Dilemma, in dem er sich befindet, wird aufgezeigt. Zweig, der Pazifist, war davon überzeugt, dass der Schriftsteller sich nicht politisch äußern dürfe. Daran hielt er fest und erntete damit mindestens das Unverständnis seiner Schicksalsgenossen wie Heinrich Mann. Er hat vielleicht das Müde, Lebenssatte der Epoche seiner Jugend nicht ablegen können. Die innere Zerrissenheit und Verlorenheit dieses Menschen wird durch das intensive und zugleich zurückhaltende Spiel Josef Haders verdeutlicht, aber auch durch einzelne Szenen: den völlig entfremdeten „Donauwalzer“, gespielt von einer tollpatschigen brasilianischen Sambakapelle, oder die erdrückende Brutalität rasender Hufe bei einem Pferderennen.

Dies alles mündet in die letzte Einstellung, das Schlafzimmer der Eheleute Zweig nach ihrem Freitod. Auch hier hat Schrader eine kluge Lösung gefunden und eine große Szene geschaffen. Die beiden Toten werden nicht voyeuristisch gezeigt, sondern nur in einem kurzen Schwenk des Spiegelschranks angedeutet. Im Zentrum der Szene stehen die Menschen, die übrig bleiben, Polizei, Haushälterin, Freunde und Nachbarn. Der kulturell weite Raum, aus dem der tote Dichter einmal kam, scheint angedeutet durch die Gebete des jüdischen Freundes und das Avemaria der brasilianischen Nachbarin, die sich am Totenbett abwechseln. Zweig war nicht religiös, aber die beiden Handlungen stecken den Horizont ab, der seine vertraute Welt umriss, die Welt, die er verlor und ohne die zu leben er die Kraft nicht mehr fand.

„Vor der Morgenröte“ mahnt uns, zu achten und nicht zu vergessen, was dieses Europa einmal sein sollte, das uns heute so selbstverständlich ist und das einmal ein so großes Ideal war.

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