Apfelbäumchen an der Brandwand

Ich war endlich mal wieder in Berlin, und da musste ich natürlich auch zu einem der neuesten Werke von Herakut pilgern. Schon länger bin ich ja ein Fan des Streetart-Duos, das seine träumerisch-zarten Bilder vorwiegend als riesige Murals überall in der Welt hinterlässt. (Mehr dazu hier) Im letzten Jahr entstand an einer Brandwand im Stadtteil Prenzlauer Berg das hoffnungsvolle Bild einer Mutter mit zwei Kindern, die als Apfelbäumchen stilisiert wurden. Dazu schrieben Herakut den berühmten, Martin Luther zugeschriebenen Satz: „Wenn ich wüsste, dass die Welt morgen untergeht, würde ich heute einen Apfelbaum pflanzen.“ Das Duo hatte zuvor auf seiner Facebook-Seite den Aufruf gestartet, den Satz in andere Sprachen zu übersetzen. Es bekam erstaunlich viele Antworten, sodass die auf dem fertigen Mural nachzulesenden 20 Versionen nur eine Auswahl darstellen.

Mutter mit zwei KindernDie Message ist klar: Hier, inmitten einer tristen Hochhaussiedlung und zugleich am Rand vom ehemals hippen, heute bürgerlichen Prenzlauer Berg, soll das riesige Bild von Hoffnung und Menschlichkeit sprechen. Das reinste Symbol dafür sind natürlich Kinder, mit denen ein Neuanfang immer möglich scheint, in die viele Hoffnungen gesetzt werden können. Was Herakut und ihre Fans vielleicht nicht so genau wissen ist, dass der Satz so höchstwahrscheinlich kaum vom Reformator stammt. (Es ist ihnen aber ebenso vielleicht auch ziemlich stulle.) Ich finde es aber trotzdem interessant, dass der kleine Aphorismus laut Volkmar Joestel vermutlich in den letzten Monaten des Zweiten Weltkriegs oder kurz danach entstanden ist und dann Luther zugeschrieben wurde.

Mural großMural großDie Schrecken des Krieges sind für uns immer noch ziemlich weit entfernt, auch wenn sie durch Flüchtlinge und Angst vor Terrorismus wie Rechtspopulismus immer näher rücken. Dennoch gibt es, wenn wir mal ehrlich sind, viel weniger Grund zur Verzweiflung und sehr viel Grund zu Hoffnung. Wir leben immer noch in ziemlicher Sicherheit und Wohlstand. Herakut sehen, so schreiben sie es auf ihrer Facebook-Seite, die Übersetzungen in viele verschiedene Sprachen als Zeichen für die vielen Menschen unterschiedlichster Nationen, denen die Idee von Hoffnung und Menschlichkeit so nahe liegt wie ihnen selbst. Die beiden Streetartisten setzen ihre Zeichen der Hoffnung nicht nur durch – zugegeben, in diesem Fall recht plakative – Sprüche, sondern weitestgehend sehr engagiert und aktiv. Das Thema Flüchtlinge ist ihnen wichtig, sie sind in den letzten Jahren nach Syrien und Gaza gegangen, um dort mit Kinder und Jugendlichen zu arbeiten. Das Mural in Berlin entstand daher in direktem Zusammenhang mit der Ausstellung „Displaced Thoughts“, die sich mit der Situation von Vertriebenen aus Syrien oder Afghanistan auseinandersetzte.

Herakut sind übrigens schon wieder in Deutschland aktiv. Derzeit beteiligen sie sich mit einem Mural am Festival Metropolink in Heidelberg – mehr dazu hoffentlich auch bald an dieser Stelle.

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