Winterliche Traumzeit auf dem Schauinsland: Die Holzskulpturen von Thomas Rees

In Freiburg ist es Frühling. Die Bäume blühen und beim Passieren der Plätze in der Innenstadt steigt die Versuchung, sich schon jetzt draußen vor einem Café an den Tisch zu setzen. Nur knapp zwanzig Minuten Autofahrt später befinden wir uns in einer anderen Jahreszeit. Der Schauinsland, der Freiburger Hausberg im Schwarzwald, ist tief verschneit. Die Skilifte sind gut gefüllt, auf den Pisten tummeln sich glückliche Wintersportler, auf dem Rodelhang ein paar hundert Meter weiter herrscht Hochbetrieb. Hält man sich an der Bergstation links, trifft man bald auf den Wanderweg zum Gipfel. Hier beginnt auch der Skulpturenpfad, der die Wanderer bis zum Schauinslandturm oben auf dem Berg begleitet. Zwei der größten und beeindruckendsten von ihnen stammen von dem Freiburger Künstler Thomas Rees.

WindbohrerDie Holzskulpturen am Schauinsland wurden in einer gemeinsamen Aktion anlässlich des autofreien Sonntags im Jahr 2006 von verschiedenen Künstlern geschaffen. Sie wurden mit Motorsägen aus Tannen- und Eichenstämmen geschaffen – auch, um auf die Gefährdung des Schwarzwalds, eines der größten und ältesten erhaltenen zusammenhängenden Waldgebiete Deutschlands, aufmerksam zu machen. An diesem Wintertag hier oben biegen nur noch wenige Wanderer auf das letzte Wegstück, den Pfad zum Gipfel, ab. Der Weg ist zwar geräumt und gespurt, aber trotzdem tief verschneit, der Wind bläst eisig ins Gesicht. Wer es dennoch wagt, wird nicht nur durch den weiten Blick auf das Winterwunderland belohnt, sondern trifft nach einigen Metern auch auf den „Windbohrer“ von Thomas Rees. Sechs Meter hoch ragt er in den Himmel, ähnlich wie vermutlich zuvor der Baum, aus dessen Stamm er gesägt wurde, eine Roteiche. Der Natur des Baumes folgend, steht der „Windbohrer“ aufrecht auf dem Grat, den Blick starr in die Luft Richtung Notschreipass gerichtet. Der Bohrer, den er in der Hand hält, windet sich in den Himmel und kämpft oder spielt mit dem Wind, je nach Stärke. Eine Querstrebe gibt dem Gerät die Anmutung eines Kompasses, der die Himmelsrichtung anzeigt.

WindbohrerFür die Wanderer geht es von hier aus nur in eine Richtung: nach oben. Ein paar Wegbiegungen weiter stoßen sie auf das nächste Werk von Thomas Rees. Der Drehsessel mit dem Titel „360° Traumzeit“ lädt Wanderer bei besserer Witterung dazu ein, sich zu setzen, und das Rundumpanorama kurz unter dem Gipfel zu genießen. Die Skulptur ist aus dem Stamm einer alten Weißtanne gefertigt, die über hundert Jahre im Freiburger Stadtwald stand. Anfang der 2000er vertrocknete sie und musste schließlich 2006 gefällt werden. Im hohlen Inneren des Stamms hatten sich zahlreiche Kleinlebewesen und ein Hornissenstaat angesiedelt. Das unter Marktgesichtspunkten wertlose Holz wurde Thomas Rees vermacht. Er schuf daraus mehrere Skulpturen, „360° Traumzeit“ ist nur eine davon. Dabei nutzte der Künstler – wie es sein Markenzeichen ist – das von der Natur vorgegebene Material und ließ sich von dessen Vorgaben leiten. Rees arbeitet vorwiegend mit Holz, besonders gerne mit Bäumen, da diese, wie er sagt, eine lebendige Geschichte haben. Am liebsten tut er das unter freiem Himmel, um sich von den Gegebenheiten der Natur leiten zu lassen. Zum Kunstwerk gehört es daher auch, dass es der Witterung ausgesetzt und so nach und nach durch die natürlichen Prozesse umgestaltet wird. Auch das Zusammenspiel mit den Betrachtern ist gewollt. So sind seine Werke nicht nur anfassbar, sondern häufig auch begehbar oder veränderbar. Im Fall von „360° Traumzeit“ darf man sich auf der Skulptur niederlassen, sich drehen oder sogar in sie hineinkriechen. In den Sessel sind knorrige, urwüchsige Gesichter gesägt, manche erkennt man sofort, einige muss man erst entdecken. Sie wandeln sich mit der Perspektive, so wie sich der Rundumblick ins Tal wandeln kann.

360 Grad TraumzeitRückseite 360 Grad TraumzeitDetailNeben solchen eher mythisch-märchenhaften Gestalten schafft Rees auch menschliche Figuren, die einen eigenen, lebendigen und doch auch häufig in sich gekehrten Ausdruck haben, oder Tiere wie zum Beispiel das Nashorn und das Kamel auf dem Kamelberg, wo er aus den Zerstörungen durch Orkan „Lothar“ etwas Neues entstehen ließ. Unten in Freiburg steht der Künstler vielleicht schon wieder vor seinem nächsten Projekt. Zuletzt beteiligte er sich an der interaktiven Ausstellung „Ukraine barfuss“, einem interaktiven Labyrinth, das die verschiedenen Regionen der Ukraine erlebbar machte – durch Videos, Musik und unterschiedliche Naturmaterialien. Rees gestaltete in seinem mythischen, naturnahen Stil einige Skulpturen zur Ausstellung. Besonders herausragend war die Darstellung einer nachdenklich wirkenden gehörnten Gestalt, vielleicht eines guten Teufels, wie er in der Ukraine bekannt ist. Die imaginäre Reise durch dieses Land sollte seine lebendige und vielfältige Tradition vorstellen. Auch Rees arbeitet mit der Tradition, mit der Geschichte von Orten, mit gewachsenen Materialien, aber immer mit dem Ziel, das Lebendige zu finden, die Bewegung, die beständige Veränderung, so wie die „Traumzeit“ auf dem Schauinsland immer eine andere ist.

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