Stille und Sturm ‒ Der Bildband im „Auge der Zeit“ über die gefährdeten Sahara-Kulturen

Die Welt dreht sich im Moment mal wieder irre schnell, und man hat oft keine Vorstellung davon, wie es weitergehen wird. Was passiert da gerade – nun auf einmal auch nicht mehr nur weit entfernt, sondern direkt vor unserer Haustür? Hunderttausende fliehen, es ist eine riesige Völkerwanderung, der IS vernichtet wie eine stupide Maschinerie ein Kulturdenkmal nach dem anderen und auch die Kulturen selbst, das heißt: Menschen. Nordafrika und der Nahe Osten, an deren Konflikte und Diktaturen wir uns aus der Ferne gewöhnt hatten, versinken in einem immer größer scheinenden Chaosstrudel. Die Filmemacherin Désirée von Trotha ist seit vielen Jahren in der Sahara unterwegs, trifft die dort lebenden Nomaden und dokumentiert ihr Leben, ihre Kultur. Auch mit ihrem neuen Bildband „Im Auge der Zeit“, den sie zur Frankfurter Buchmesse vorstellt, will sie festhalten, was vielleicht nicht festzuhalten ist, gegen das Vergessen.

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Copyright: Désirée von Trotha/Cindigo Verlag

Der „Arabische Frühling“ ist nun auch schon bald wieder fünf Jahre alt. Damals schien es ein unfassbarer Aufbruch zu sein, etwas, das auch uns hier in Europa erschütterte und überwältigte, das mit Hoffnung und Begeisterung verbunden war. Mit Aufständen und Rebellionen befreiten sich damals viele arabische Staaten in der Region von diktatorischen Machthabern, die – auch das war uns klar – viel zu lange vom Westen gestützt und gedeckt worden waren. Heute ist die Begeisterung der Ernüchterung gewichen. In kaum einem der betreffenden Länder ist die Lage heute besser als zuvor, häufig sogar schlechter. Bürgerkriege, neue Despoten, ununterbrochen fortgesetzte Menschenrechtsverletzungen und ein Fundamentalismus, der sich die Wirren zunutze macht und das Chaos noch grausamer steigert. Am deutlichsten steht uns heute der fortgesetzte Krieg in Syrien vor Augen, nicht zuletzt natürlich deshalb, weil seine Folgen in menschlicher Gestalt bei uns angekommen sind und uns fordern.

Désirée von Trotha aber hat ihr Herz der Sahara geschenkt – jener afrikanischen Region, in der seit jeher die Nomadenstämme leben und frei umherziehen. Sie haben ihre ganz eigenen Gesetze, ihre eigene Kultur, die aber im Prinzip schon seit der Kolonialzeit vom Aussterben bedroht ist. Heute ist die Gefahr für diese Stämme größer denn je. Die Filmemacherin von Trotha lebt seit 1991 die Hälfte des Jahres bei den Tuareg der Sahara, die sich selbst Kel Tamaschek nennen. Sie hat bereits mehrere Bücher mit ihren Fotografien von dort veröffentlicht und im Jahr 2012 den Dokumentarfilm „Woodstock in Timbuktu“ (hier der Trailer). Darin begleitet sie das „Festival au Désert“ in Mali, auf dem Tuareg und Malier, ebenso wie Musiker der umliegenden Länder gemeinsam Musik machen. Die Tuareg erfuhren als nichtsesshaftes Volk in Mali und Niger Unterdrückung und Ausgrenzung und wehrten sich ich mehreren Aufständen während der Neunzigerjahre. Die Musiker im Film beschreiben ihr Auftreten als „Widerstand mit der Gitarre“, der nicht zu mehr Blutvergießen, sondern zu Völkerverständigung und Frieden führen soll.

In ihrem neuen Buch „Im Auge der Zeit“ (Cindigo, München 2015) versammelt Désirée von Trotha Fotografien und eigene Notizen von ihren Besuchen aus den Jahren 2011 bis 2015 bei den Tuareg und den Tubu-Nomaden. Es zeigt den Wandel in der Region, in den Sahara-Ländern Algerien, Mali, Mauretanien, Niger und Tschad. Die Autorin sammelt ihre Eindrücke und Reiseerlebnisse, eigene Erfahrungen und Bilder ebenso wie politische Bewertungen. Ihre eindrücklichen, sehr persönlichen Fotografien zeigen Menschen, ihre Gesichter, aber auch Landschaften oder belebte Szenen von Festen und Märkten. Ein wichtiger Punkt im Leben der Nomaden ist die Religion, aber von Trotha legt Wert darauf zu zeigen, dass die Religion der Nomaden ein friedlicher Islam ist, weltoffen und tolerant, kein Fundamentalismus. Auch ihre Frauen sind freie, stolze Geschöpfe. Sie werden im poetischen Kameltanz umworben, unverheiratete Mädchen hüten bei den Tubu die Kamele, sitzen wie die Männer im Sattel und sind mit Messern bewaffnet, und bei den Tuareg herrscht seit Jahrhunderten die Matrilinearität, die Bevorzugung der weiblichen Erbfolge.

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Copyright: Désirée von Trotha

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Copyright: Désirée von Trotha

Die Bilder wie die Texte sind tagebuchartige Momenteindrücke, denen zum Teil bewusst eine unprofessionelle Anmutung gegeben wird. Die Fotos wirken alt, wie historisch, teilweise in Schwarz-Weiß, teilweise in pastelligen Farben, immer aber körnig, manchmal auch verwackelt, wie überzogen von einer ewigen Schicht feinen Sahara-Sands. Von Trotha zeigt die Schönheit der Menschen und ihrer Landschaft, gibt ihrer Poesie mit Zitaten einen Raum und beschreibt ihre Feste, thematisiert aber auch die großen Probleme, die diese einmalige Kultur bedrohen: Neben den Dschihadisten von Boko Haram, denen der liberale Islam der Nomaden ein Dorn im Auge ist, sind dies die Folgen internationaler Wirtschaftspolitik und der skrupellosen französischen Urangewinnung, aber auch der massive Kokainschmuggel von Westafrika über die Sahara. Dabei darf man aber auch die Geschichte und die Rolle dieses Volkes nicht aus dem Blick verlieren, das keinen eigenen Staat hat und durch die willkürlich gezogenen Grenzen in Afrika seine alten Routen längst nicht mehr so ziehen kann wie einst. Auch hier liegt die Verantwortung zu großen Teilen bei den einstigen Kolonialmächten – in diesem Fall Frankreich –, die sich für kulturelle Unterschiede herzlich wenig interessierten. Es lässt sich festhalten: Die Probleme sind häufig nicht vor Ort, sondern europäisch gemachte Probleme. Der „Westen“ hat hier eine Verantwortung. Auch darauf legt von Trotha ihren Finger – mit dem Ziel und der Hoffnung vielleicht, ihre Freunde noch retten zu können.

Im Vorverkauf konnte man mit dem Erwerb des Buches die Nomadenschule Eroug im Niger unterstützen, die von Trotha besonders am Herzen liegt. Die Schule wurde bereits 1998 eröffnet, ist aber bis heute auf Unterstützung angewiesen. Ein besonderes Augenmerk liegt auf der Ausbildung von Mädchen. Über den Verlag kann die Schule weiter unterstützt werden, darüber hinaus gibt es den Förderverein „Tadot“ zu diesem Zweck.

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Copyright: Désirée von Trotha

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Copyright: Désirée von Trotha

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