Ein Traum von Angst und Freiheit. Shakespeares‘ „Sturm“ in der Neckarstadt-West

„Angst“ ist das erste Wort des Stücks. Es hallt hinauf aus dem eng wirkenden Innenhof des Alten Volksbads in den freien Himmel hoch über den Zuschauern. Sie sitzen auf Bierbänken auf dem hochgezogenen Gerüstbau, der in seiner Anmutung nicht unbeabsichtigt an das alte Londoner „Globe Theatre“ erinnert. Denn hier, ausgerechnet hier, im kreativen Herzen der wilden Neckarstadt-West, wird Shakespeares „Sturm“ gegeben – gespielt von bulgarischen und deutschen Laienschauspielern, zweisprachig, inszeniert von Ludwigshafens langjährigem Pfalzbau-Intendanten Hansgünther Heyme, der sich hier augenscheinlich einer echten Herzensangelegenheit widmet.

Die Neckarstadt-West ist kein Wohlfühlfleckchen und schon gar nicht ein Luxuskiez. Das Wort „Angst“ ist hier kein Fremdwort, sondern für manche ein bekannter Begleiter. Der Stadtteil hat jede Menge Probleme und einen entsprechenden Ruf. In letzter Zeit bringen einige Akteure gute Ideen ein, um ihn aufzuwerten und für seine Bewohner lebenswerter zu gestalten. So etwa das CommunityartCenter, die Crew vom „Zwischenraum“-Kiosk oder die Macher vom „Alten Volksbad“. Hansgünther Heyme ist noch nicht so lange mit der Neckarstadt-West verbandelt, er hat, so schreibt er es selbst, den Stadtteil erst in den letzten Monaten kennen und schätzen gelernt.

Bis zum letzten Jahr war Heyme für ein Jahrzehnt Ludwigshafens Intendant am Pfalzbau und Leiter der dortigen Festspiele. „Er hat Fragen gestellt. Wir denken darüber nach“, hieß es bei seinem Abschied 2014 am anderen Rheinufer eher kryptisch. Eins ist jedenfalls deutlich: Das Fragenstellen hat er sich nicht abgewöhnt, auch nicht das genaue Hinsehen und schon gar nicht seine Nähe zum „Volk“, zu den einfachen Menschen, den Laien. Bereits in Ludwigshafen stemmte er eine ungewöhnliche und erfolgreiche Inszenierung des Gilgamesch-Epos mit siebzig Laiendarstellern und engagierte sich für das Jugendtheater.

Und nun also Shakespeare, „Der Sturm“, das letzte Stück des großen Engländers, das gerne als sein Abschied gedeutet wird. Das heißt, es wird gemutmaßt, dass Shakespeare sich mit Prospero identifizierte, dem Zauberer im Zentrum des Stücks, der sich am Ende von seinen Zauberkünsten lossagt. Er habe, so eine klassische Interpretation, im Anschluss der „Zauberkraft“ des Dramatikers entsagt und nichts mehr geschrieben. Prospero nun – seinen deutschen Text zu sprechen hat sich Hansgünther Heyme nicht nehmen lassen. Entsagt er also in seinem runden achtzigsten Lebensjahr ebenso dem Theater? Es ist kaum vorstellbar, wenn man Heyme hier erlebt, wie er über bald zwei Stunden hinweg alles im Blick hat, alle Fäden in der Hand zu haben scheint, und seine Akteure bis nach dem letzten Applaus begleitet. Wach wirkt er und kein bisschen müde. „Es steht ohnehin an, zu vermuten: Heyme wird mit 120 mit den Füßen voraus von der Bühne getragen werden.“(Didier Calme: Theater als subventionierte Opposition)

Natürlich nicht von ungefähr stellt Heyme das Wort „Angst“ an den Anfang seines Stücks. Denn es hat nicht nur etwas mit der Neckarstadt-West zu tun, sondern auch mit den Menschen, den Figuren, die man hier auf der Bühne sieht und ihren Schicksalsgenossen, an die sie unweigerlich erinnern. Das stürmische Meer wird durch ein grünblaues Netz angedeutet, die Schiffbrüchigen, Flüchtlinge, stranden schließlich in höchster Not an einer Insel. Denn in diesem Stück geht es um Flüchtlinge, aber auch um „modernen Kolonialismus, Machtstrukturen, Unterdrückung, Versklavung von Fremden“, so schreibt es Heyme selbst im Begleitheft. „Jede Textwendung lässt uns vierhundert Jahre später an die Ukraine, an Lampedusa oder an Damaskus denken.“

Es ist der Zauberer Prospero, ehemals Herzog von Mailand, von seinem Bruder gestürzt und in den sicheren Tod vertrieben, der hier mit seiner Tochter strandet. Was dann folgt, ist ein typisch Shakespearesches Machtspiel, voller Ränke, Rachsucht, Gewalt, aber auch einer reinen Liebesgeschichte, die am Ende die Oberhand gewinnen darf. Sie führt in die Versöhnung, aber vielleicht auch in mehr. Der Schriftsteller Christoph Klimke, der die Textfassung für diesen Abend zusammengestellt hat, sieht als zentrales Motiv des „Sturms“ – zumindest in dieser Inszenierung – den Reichtum der Sprache, das gegenseitige Sichverstehenlernen. Und das wird hier auf charmante und ganz praktische Weise umgesetzt, denn das Stück wird konsequent wechselweise auf Deutsch und Bulgarisch gesprochen. Dafür wurde den Laiendarstellern einiges abverlangt: Die Deutschen mussten sich längere Passagen Bulgarisch aneignen, die Bulgaren wiederum mussten sich mit dem alten Deutsch der Wielandschen Neudichtung herumschlagen.

Die Darsteller kommen alle von hier, aus dem Stadtteil, mit einer Altersspanne irgendwo zwischen acht und achtzig Jahren. Sie wurden im Januar des Jahres gecastet und haben sich seitdem die zeitaufwändige und aufreibende Probenarbeit zugemutet. Ein Großteil der Rollen wurde doppelt besetzt, sodass die beiden Sprachfassungen (die bulgarische stammt von dem im letzten Jahr verstorbenen bulgarischen Schriftsteller und Übersetzer Valeri Petrov) von jeweils anderen Akteuren gesprochen werden. Sie werden dabei zum Teil zu unterschiedlichen Altersstufen einer Figur wie beim Liebespaar Ferdinand (Victor Kabelitz Lévano und Alican Ali) und Miranda (Elmira Zheleva, Djamila Klöfer und Michaela Zhelezarova), zum Teil sind die beiden „Versionen“ aneinandergekettet wie bei dem missgestalteten Caliban (Olaf Schlippe und Bernhard Wadle-Rohe) und dem listigen Luftgeist Ariel (Danka Zhelezarova und Ralph Füglein), der als doppelter Musikant die Szenerie begleitet. Ariel ist es auch, der das zweite zentrale Schlagwort der Inszenierung immer wieder ausruft: „Freiheit!“ Sie ist das Gegenstück zur Angst – aber möglicherweise sind diese beiden Begriffe auch zwei Seiten einer Medaille, so wie dieser Ariel zwei kapuzenbewehrte Gesichter hat, ein männliches und ein weibliches, ein deutsches und ein bulgarisches, so wie er zweisprachig singt und auf zwei Instrumenten spielt.

Limeik Topchei hat die bulgarische Variante des Prospero übernommen und spielt diesen äußerst intensiv, bis an alle Grenzen gehend. Topchei ist tatsächlich studierter Schauspieler und Dramaturg, 2011 kam er aus Bulgarien nach Deutschland und machte wohl so ungefähr alles durch, was man durchmachen kann, wenn man als Flüchtling versucht, in einem neuen Land ein neues Leben zu beginnen (sehr interessant nachzulesen hier). Er stellte auch den Kontakt zwischen Hansgünther Heyme und den Bulgaren her und war so wohl zu einem Großteil daran beteiligt, dass dieses Projekt Wirklichkeit werden konnte.

Last but not least zu erwähnen sei hier noch der Bühnenbildner Gerd Friedrich, der sich um die Ausstattung kümmerte und wunderbare Kostüme vermutlich aus nicht viel mehr als „nichts“ zauberte. Ins Auge fallen der Matrose Trinculo im Narrenkostüm aus Discounter-Plastiktüten oder die im Stil selbstverliebter Diktatoren eingekleideten Intriganten Antonio und Sebastian. Auch sie gehören zum Bild der schmerzlich nah an unsere Realität gehenden Aktualität. Was machen wir nun also damit? Der Versuch, sich zu verstehen, der Traum von Freiheit und Versöhnung – das klingt schön, aber abstrakt, und auch Heyme weiß: „Wir leben in stürmischen Zeiten.“ Aber, liebe Menschen, wenn es solches Theater gibt, solche Kunst – und die gab es auch schon in den nicht weniger stürmischen Zeiten eines William Shakespeare –, dann kann es am Ende noch nicht alles gewesen sein. Schließlich fühlt sich ein Großteil der Zuschauer dazu angeregt, die bekanntesten Zeilen des Stückes mitzusprechen, die übrigens in der Form des eingängigeren und wohl nicht von Wieland stammenden Konglomerats verwendet werden: „Wir sind aus solchem Zeug, wie das zu Träumen, und unser kleines Leben ist umringt von Schlaf.“

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