Das Familienleben als Handbremse – Mary Trunk zeigt Künstlerinnen als Mütter und umgekehrt

Über berufstätige Mütter und die Vereinbarkeit von Beruf und Familie wurde schon viel gesagt und geschrieben. Dass Mütter arbeiten und auch jenseits ihrer Mutterschaft Erfüllung in etwas finden, ist in unserer Gesellschaft heute nichts wirklich Besonderes mehr – auch wenn es immer mal wieder infrage gestellt wird. Dass es eine Herausforderung ist, zwischen Familie und Arbeit zu balancieren (man muss ja nicht immer gleich von „Karriere“ sprechen), weiß jede Mutter, die diesen Weg für sich sucht. Sie ringt mit allgegenwärtiger Müdigkeit, ständigem Aushandeln an allen Fronten, dringenden Abgabeterminen und Bastelnachmittagen in der Kita, dem Gefühl, keiner von beiden Seiten hundertprozentig gerecht zu werden. Weniger wird aktuell vielleicht über die positiven Seiten dieses Balanceakts gesprochen: die Erfüllung und Zufriedenheit, die – nicht nur finanzielle – Unabhängigkeit der Frau und auch die gestärkte Rolle der Väter in den Familien.

Eine Berufsgruppe, in der die Frage nach der Vereinbarkeit von Beruf und Familie besondere Bedeutung hat, sind Künstlerinnen. In ihrem Fall bedeutet die berufliche Tätigkeit nicht nur Erfüllung, sondern mehr noch: Hingabe und Leidenschaft. Sie ist ein Teil der eigenen Persönlichkeit, des eigenen Ich. Die Arbeit von Künstlerinnen bedeutet phasenweises Abtauchen, Abgrenzung, innere Abwesenheit. Das scheint wenig vereinbar zu sein mit den Anforderungen des Familienlebens, wenn man ein oder mehrere Kinder aufzieht. Die US-amerikanische Filmemacherin Mary Trunk, selbst Mutter einer Tochter, hat vier Künstlerinnen begleitet, die zugleich Mütter sind. Herausgekommen ist ein absolut sehenswerter abendfüllender Dokumentarfilm mit dem sprechenden Titel „Lost in Living“.

Ein Baby ist erst einmal ein Kreativitätskiller. Es absorbiert sämtliche Energien und lässt wenig Kapazitäten für Konzentration, für Beschäftigung jenseits der Tätigkeiten, die das Kind zumindest in den ersten Monaten am Leben halten. Zugleich aber bleibt der Kopf nicht nur leer, sondern auch unterbeschäftigt. Es bleibt der Wunsch nach mehr Zeit, mehr Zeit für sich und mehr Zeit für die eigene Arbeit, für die Umsetzung der Ideen, die auf einmal wieder zu sprudeln beginnen. Und der unerfüllbare Wunsch, eine Arbeit, ein Projekt zu beenden, ohne dabei unterbrochen zu werden. In all dem ist da auch das Gefühl, nicht ausreichend man selbst zu sein, nicht dort zu sein, wo man eigentlich sein wollte und sollte.

Für die Regisseurin Kristina Robbins und die Filmemacherin Caren McCaleb ist diese Erfahrung ein tiefer Einschnitt in ihrem Leben. Mary Trunk begleitet in ihrem Film die beiden eng miteinander befreundeten Künstlerinnen von der ersten Schwangerschaft an über mehrere Jahre hinweg. Während Caren sich durch die Erfahrung der Mutterschaft ausgebremst fühlt („I’m like a car that cannot drive faster than second gear“), entdeckt Kristina beinahe unerwartet, wie wichtig ihr ihre Mutterschaft ist. Sie erzählt davon, wie sie für ein bedeutendes Projekt das Baby für längere Zeit zu den Großeltern gibt und dabei selbst unglücklich wird, um am Ende festzustellen: „Das war es nicht wert.“ Beide sprechen viel von Gefühlen wie Frustration und Wut, die aus der Erfahrung resultieren, nicht mehr so arbeiten zu können, wie es ohne Kind möglich war. Die Zeit für ein kontinuierliches Arbeiten an einer Sache ist begrenzt, und ständig ist da noch jemand, der etwas von einem möchte, der einen braucht.

Den beiden jüngeren Frauen Kristina und Caren stellt Mary Trunk zwei Künstlerinnen gegenüber, deren Kinder längst erwachsen sind. Marjorie Schlossman ist Malerin und bildende Künstlerin, Merrill Joan Gerber Schriftstellerin. In ihrer Generation war es noch normal, dass die Mutter mit den Kindern zu Hause blieb, Kinderbetreuung gab es nicht. Das machte die Dinge nicht einfacher und führte auch – darüber sprechen sie in berührender Offenheit – dazu, dass manches sicherlich zu Lasten der Kinder ging. Besonders interessant ist es da, dass auch die Töchter der Künstlerinnen zu Wort kommen. Sie schildern ihre Erfahrungen aus Kindersicht mit einer Mutter, die nie ganz da ist, die viel Raum für sich selbst beansprucht und sich abgrenzt, haben aber auch Bewunderung und Anerkennung für deren Leistung. Marjorie stellt fest: „My kids don’t need art like I do.“ Das passt zur Aussage ihres Exmannes, der schlicht feststellt: „She needed to paint.“ Dabei scheiterte Marjories Ehe wohl letztlich daran, dass sie keine Unterstützung für ihre Kunst fand und sich stattdessen im Haushalt eingesperrt fühlte. Sie spricht davon, dass dies die einsamste Zeit ihres Lebens und die Scheidung am Ende für sie auch als Künstlerin eine Befreiung war. Im Kontrast dazu steht die Erfahrung der heute über siebzigjährigen Merrill, die direkt nach ihrem Studium zu schreiben begann und von Anfang an für ihre Zeit große Unterstützung von ihrem Mann bekam. Als sie kurz nach der Geburt ihres ersten Kindes eine Stelle in Stanford angeboten bekam, stellte ihr Mann simpel fest: „Das ist jetzt deine Chance“, und schlug ihr vor, dass er das Baby betreuen würde. Sie sind bis heute verheiratet.

„Kann ich gleichzeitig eine Mutter und eine Regisseurin sein?“, fragt sich Kristina während ihrer ersten Schwangerschaft und das ist eine der Grundfragen dieses Films und der vier Frauen. Wie ist es möglich, sich gleichzeitig zwei Bereichen zu widmen, die Hingabe erfordern und auch ein gewisses Maß an Selbstaufgabe? Wie egoistisch muss und darf eine Mutter sein, wenn sie auch Künstlerin sein will? Marjorie und Merrill scheinen beide nicht ohne Schuldgefühle ihren Kindern gegenüber zu leben, und dennoch war ihnen kein anderer Weg möglich. So beschreibt Merrill ihr großes Bedürfnis zu schreiben auch als Rettungsanker, der ihr geholfen hat, die Durststrecken ihres Lebens – auch als Mutter und in der Kindererziehung – zu überstehen. Mary Trunk möchte nicht nur die Schwierigkeiten und Probleme zeigen, sondern auch die Bereicherung, die das Leben der vier Frauen ausmacht. Kreativität und künstlerisches Schaffen werden durch Kinder und Mutterschaft nicht nur ausgebremst, sondern auch bereichert und angetrieben. Mary Trunk begleitet die Frauen in ihrem Film in Kameraführung und Schnitt völlig gleichwertig sowohl bei ihrer künstlerischen Arbeit als auch beim Stillen, mit Kind auf dem Schoß vorm Arbeitsrechner oder zurückgezogen in einen ausrangierten Wohnwagen im Garten, bei der Filmpremiere und der Vernissage ebenso wie beim Treffen mit den erwachsenen Kindern und als Großmutter.

„Lost in Living“ ist ein absolut bewegender und ansprechender Film – nicht nur für Frauen, die sich in vergleichbaren Situationen befinden, die ähnliche Konflikte kennen. Und auch wenn er aus den USA stammt und nichteuropäische Verhältnisse spiegelt, gibt es nicht zu verleugnende Parallelen, sodass er als Stimme in unserer Debatte gehört werden sollte. Ich gebe die Hoffnung jedenfalls noch nicht auf. Leider ist der Film in Deutschland nicht erhältlich, man kann ihn aber über die Webseite von Mary Trunk bestellen. Ich habe damit sehr gute Erfahrungen gemacht, die Abwicklung war sehr schnell und freundlich. Der Film lag länger bei mir auf dem Tisch, bis ich es geschafft habe, ihn in Ruhe anzusehen, als die Lieferzeit von der Bestellung an dauerte.

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