Nihilistisches Gelächter: Das „Neue EnsemblE“ liest Texte verstorbener Prominenter

Nachrufe erfreuen sich als kulturelles Genre einer steigenden Beliebtheit. Im Berliner „Tagesspiegel“ sind sie eine geistreiche, manchmal überraschende und immer lesenswerte Tradition, und seit mehreren Jahren gibt es die wunderbare Reihe „und die Welt steht still …“, in der Lieder und Geschichten zum Klingen gebracht werden, die sich Menschen in Hospizen vor ihrem Tod gewünscht haben. Auch das kleine Mannheimer Theater im Felina-Areal hat schon länger eine solche Reihe im Programm. „Abgang“ heißt sie und gibt in regelmäßigen Abständen – meistens monatlich – in den vergangenen Wochen verstorbenen Prominenten ein letztes Mal eine Stimme. Das Interessante daran ist die kurze Frist der Planung, die damit einhergehende Spontaneität und unvorhersehbare Mischung. Tatsächlich bestimmen Zufall und Schicksal in nicht unerheblichem Maß das Programm einer jeden „Abgang“-Lesung.

Friedhof am Strand

Am Ende bleibt das Meer – verfallener Friedhof auf Fuerteventura

Die Mai-Ausgabe hatte Vielversprechendes in petto: Verstorbene wie Odo Marquart, Ruth Rendell, Günter Grass oder Helmut Dietl ließen einen interessanten Abend erwarten. Gemischt wurden ihre Texte mit Liedern, an denen ebenfalls in den letzten Wochen gegangene Musiker beteiligt waren, so zum Beispiel „Spanish Harlem“ und „Stand by me“ von Ben E. King oder „Sweet Home Alabama“ von Lynyrd Skynyrd mit ihrem Schlagzeuger Bob Burns.

Zum Einstieg gibt es erst mal einen Kir Royal im Gedenken an Helmut Dietl. Dann geht es eher tiefsinnig weiter mit dem Auszug aus einem Interview mit dem Journalisten Klaus Bednarz und philosophischen Betrachtungen zum Chaos von Michael Theunissen. Die Schauspielerin, Regisseurin und Anarchistin Judith Malina, die das Living Theatre mit begründete, kommt zu Wort, ebenso wie der argentinische Journalist Eduardo Galeano. Aber auch des jüngst in New York erschossenen Rappers Chinx Drugz oder des vor allem aus den Winnetou-Filmen bekannten Schauspielers Rik Battaglia wird gedacht.

Sascha Koal, der die Texte auswählt, macht keinen Unterschied in Anspruch, Bedeutung oder Form. Auch der Tod macht keine Unterschiede, er macht vielmehr gleich und stellt Personen nebeneinander, die im Leben nichts miteinander zu tun hatten und vielleicht auch nicht zu tun haben wollten. Der Tod ist absurd, und mit diesem Faktum spielen die Macher des „Abgangs“. Da darf es dann zwischendurch auch mal Absurditäten geben wie das Interview mit der ehemaligen Hamburger Kiezgröße „Karate-Thommy“ Thomas Born, „Platte Reifen-Witze“ zum Gedenken an François Michelin oder einen Text über Paris Hiltons Schoßhündchen „Tinkerbell“.

Wenn ich mich mit dem Tod beschäftige und mit gerade erst Verstorbenen, dann stellt sich mir die Frage: Was für Spuren hinterlassen wir? Möglicherweise stellen sich die Macher des „Abgangs“ diese Frage auf ihre Weise und wollen auf die Vergänglichkeit selbst dieser Spuren hinweisen. Der Ansatz des „Neuen EnsemblEs“ wirkt jedenfalls nihilistisch, wenn ein verlesener Text am Ende als Papier zusammengeknüllt und weggeworfen wird. Allerdings schlägt die Stimmung an diesem Abend im Felina-Areal irgendwann einseitig um. Gibt es am Anfang noch eine ausgewogene Mischung aus ernst bis sachlich vorgetragenen Texten, kurz angespielten Musikstücken und eher Komischem, herrscht spätestens ab der zweiten Hälfte nur noch der Slapstick und jedes kurze Stück wird durch den Kakao gezogen. Dabei ist nicht ganz klar, ob die Schauspieler sich in ihrer Albernheit verlieren oder ob das Ganze zur Inszenierung gehören soll.

Was aber wäre, wenn gerade Texte wie der Auszug aus Helmut Dietls Serie „Kir Royal“ oder das Interview mit John Lennons erster Frau Cynthia, die offensichtlich eher schlicht veranlagt war, ganz sachlich und neutral vorgetragen würden? Könnten sie dann nicht viel mehr für sich stehen und selbst wirken – ob nun ernst, gehaltvoll oder auch nicht? Schade ist auch, wenn man merkt, dass die Schauspieler zum Teil keine Ahnung haben von den Texten, die sie da lesen. Sicherlich ist eine intensive Beschäftigung in der Kürze der Zeit nicht möglich, aber dann wären Zurückhaltung und die empfohlene Schlichtheit manchmal die bessere Wahl. Und hätte nicht eine Größe wie die Choreografin und Tänzerin Maja Michailowna Plissezkaj es verdient, dass aus der von ihr inszenierten Tschechowschen „Möwe“ zitiert wird? Stattdessen wird ihr nur ein Bruchstück von ABBAs „Dancing Queen“ hinterhergeworfen.

Auch wenn die Intention des Abends sein mag, dem Umgang mit dem Tod seine zu große Ernsthaftigkeit zu nehmen und sich auch das befreiende Lachen zu erlauben – in der Gesamtheit und gerade gegen Ende wirkt die Lesung viel zu oft unkontrolliert albern, respekt- und leider auch würdelos. Eine neutralere, kontrolliertere und intelligentere Rezeption wäre am Ende wirkungsvoller. Stattdessen versinkt der Abend am Ende im Slapstick. Wie schade.

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