Nachbarschaft geht durch den Magen: Das Kulturkochbuch „Intecreative“

Heute mache ich mal einen kleinen Abstecher in den Kochbuch-Sektor. Das hat damit zu tun, dass mich in letzter Zeit die Flüchtlingsthematik in Deutschland sehr beschäftigt. Ich glaube, dass sie uns in Zukunft noch mehr beschäftigen wird. Pro Monat werden in Deutschland mehr als 15.000 Asylanträge gestellt, davon mehr als 4.000 von Menschen aus Syrien (Quelle: Bundesamt für Migration und Flüchtlinge). Die Stadt Mannheim hilft derzeit der überlastenden Erstaufnahmestelle für Flüchtlinge in Karlsruhe aus und nimmt zusätzliche Asylsuchende in der Unterkunft in der Industriestraße auf. Aktuell sind es rund 750 Menschen (Quelle: Rhein-Neckar-Zeitung). Sie hocken in dem betonierten grauen Innenhof und warten darauf, dass es mit ihnen weitergeht – wie, wissen sie nicht. Viele Menschen machen sich Gedanken darüber, wie sie den Flüchtlingen helfen und ihre Integration unterstützen können. Ein besonderes Ergebnis dieses Engagements ist das Kulturkochbuch „Intecreative – Die Welt kocht im Quadrat“, auf das ich beim diesjährigen Nachtwandel im Jungbusch gestoßen bin.

Umschlag Intecreative

Copyright: Katja Lüttig, Ladenburg.

Dieses Kochbuch der etwas anderen Art wurde von der studentischen Initiative „Enactus“ entwickelt, die soziale und ökologische Projekte in der Region verwirklicht. Begonnen hat alles vor zwei Jahren, als Studierende von „Enactus“ sich in der Unterkunft in der Industriestraße mit Aslybewerbern getroffen haben, um mit ihnen zu kochen und sich kennenzulernen. Daraus entstand dann schließlich die Idee, ein Kochbuch mit den unterschiedlichen Rezepten aus aller Welt zusammenzustellen. Und auch die Menschen, die diese Rezepte aus ihrer Heimat mitgebracht haben, kommen zu Wort. In den kurzen Porträts erfährt man etwas über die Gründe, aus denen sie ihr Zuhause verlassen und sich in die Fremde begeben haben, und kann dadurch ein bisschen besser verstehen, was es bedeutet, ein Flüchtling zu sein. Deutlich wird auch, dass viele von ihnen sich sehr um ihre Integration bemühen, Deutsch lernen und arbeiten wollen, ihren Kindern eine Zukunft ermöglichen. Mannheim ist traditionell eine Stadt, die im deutschen Kontext sicherlich als „Schmelztiegel“ bezeichnet werden kann. Durch die Industrie und die Dichte der US-amerikanischen Kasernen entstand schon in den Fünfziger- und Sechzigerjahren des letzten Jahrhunderts ein kultureller Mix. Bis heute leben in der Stadt viele Italiener, Türken, Afrikaner und zunehmend auch eine große Zahl von Menschen aus Südosteuropa. Mit den Rezepten und Geschichten in „Intecreative“ soll eine Brücke zwischen der Stadt und den Asylbewerbern, die in ihr leben, geschlagen werden – und zwar, wie das Brücken so an sich haben, in beide Richtungen. Daher versammelt das Kochbuch auf der einen Seite Rezepte und Geschichten von zehn Flüchtlingen aus fünf verschiedenen Nationen, auf der anderen Seite bekommt auch die Quadratestadt einen eigenen Schwerpunkt.

Rezept Samosas

Gefüllte Teigtaschen (Samosa). Copyright: Holger Wenzl/Anna König, http://derultimativekochblog.tumblr.com/.

Gemeinsames Kochen und Essen ist ein großartiger Weg, um das Eis zwischen einander erst mal Fremden zu brechen und sich zu verständigen – das ist keine neue Erkenntnis, aber es kann nicht schaden, sie sich immer mal wieder ins Gedächtnis zu rufen und aufzufrischen. Auch die Teilnehmer an dem „Intecreative“-Projekt haben diese Erfahrung gemacht. Heimat und Zuhause haben viel mit Essen zu tun, mit Lieblingsgerichten, Geschmäckern und Gerüchen, die untrennbar mit der eigenen Kindheit, den eigenen Erinnerungen verbunden sind. Das ist etwas, das zutiefst in einem verwurzelt ist, das man aber auch vermitteln und teilen kann. So wie in dem Mannheimer Kulturkochbuch, das im Übrigen auch ein Lesebuch ist, in dem man viel über die Beteiligten und ihre Herkunft erfährt. In diesem Rahmen versammelt sind Rezepte aus Afghanistan, dem Irak, Iran, Pakistan und Serbien, sodass für jeden Geschmack etwas dabei sein dürfte. Da gibt es gefüllte Teigtaschen, klassisches Pilaf, vegetarische Bratlinge oder persische Kokoskekse. Im Unterschied zu manch anderen gut gemeinten ehrenamtlichen Projekten ist dieses Buch aber nicht nur inhaltlich interessant und anregend, sondern auch hervorragend gestaltet und hochwertig fotografiert. Das ist der Fotografin Eva Gründemann, einer Reihe von Foodbloggern, die eigene Rezepte und Fotos zur Verfügung gestellt haben, und nicht zuletzt der Grafikerin Katja Lüttig zu verdanken, die das Buch gestaltet hat. Einziger kleiner optischer Wermutstropfen ist die relativ geringe Größe des Buchs, das so neben den dicken Schinken im Kochbuchregal leider eher untergeht. Aber dafür kostet es auch nur die Hälfte.

Die erste Auflage von „Intecreative“ ist bereits verkauft, es wird aber nachgedruckt und die neue Auflage kann über die Webseite des Projekts bestellt werden. Mit dem Erlös soll unter anderem ein Sprachcafé in der Mannheimer Innenstadt realisiert werden, ein Ort des Austauschs zwischen Nachbarn bei Essen und Trinken.

4 Gedanken zu „Nachbarschaft geht durch den Magen: Das Kulturkochbuch „Intecreative“

  1. Sabine

    Was für ein tolles Projekt! Vor einiger Zeit bin ich schon mal auf ein Kochbuch gestoßen, das von und mit Flüchtlingen entstanden ist; in dem Fall allerdings mit Schwerpunkt Kaukasus. Darüber wollte ich auch noch schreiben, was leider wieder untergegangen ist. Insofern ein doppeltes Danke: für den Artikel und fürs Wieder-ins-Gedächtnis-Rufen!

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    1. Kulturstrandgut Beitragsautor

      Gerne, Sabine, und vielen Dank zurück. Das Kaukasus-Projekt klingt auch sehr interessant. Darüber würde ich bei Gelegenheit gerne mehr wissen.

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  2. Manuel

    Spannende Idee und Perspektive. Solche Initiativen wie z.B. der tolle Kiez-Brunch in der Neckarstadt-West ist da ja ein weiteres Beispiel. Ich habe es leider noch nie hingeschafft, allerdings bezweifle ich, dass der die Flüchtlinge in der Industriestraße erreicht. Direkt in die Unterkunft gehen und gemeinsam kochen ist ein super Ansatz. Braucht allerdings aufgrund der ständigen Bewohnerwechsel regelmäßige Wiederholungen.

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  3. Pingback: Lesebrösel: Kulturaustausch beim Kochen | Schmeckt nach mehr

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