Alter Sternenglanz und neue Frische: Morcheeba und My Brightest Diamond

Kaum zu glauben, aber neulich haben Morcheeba doch tatsächlich ihr einziges Deutschlandkonzert in diesem Jahr direkt vor meiner Haustür gegeben. Da musste ich natürlich hingehen. Das Erlebnis war dann allerdings ein bisschen ambivalent: Gegen die musikalische Qualität und die weiterhin bezaubernde Stimme von Sängerin Skye Edwards ist überhaupt nichts einzuwenden. Dennoch blieb eher das Gefühl einer Reise in die Vergangenheit, einer guten alten sicherlich, in der man sich ohne Zweifel wohlfühlt. Ganz anders das Hörerlebnis der neuen Platte von My Brightest Diamond, die innovativ, spannend und lebendig in die Ohren geht, Lust auf mehr macht und zugleich auf positive Weise gefälliger ist als ihre Vorgänger.

Morcheeba

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Morcheeba sind wieder da, und so richtig mitbekommen hat man das eigentlich gar nicht. Dabei war die britische TripHop-Legende, die mittlerweile auf eine zwanzigjährige Bandgeschichte zurückblickt, offiziell gar nicht richtig weg. 2004 haben sich die Brüder Paul und Ross Godfrey von Skye Edwards getrennt, 2010 haben sie sich ohne nennenswertes Aufsehen wieder vereint und nennen sich seitdem lustigerweise „Morcheeba with Skye“. Was waren sie eigentlich ohne Skye Edwards? Wenn man sie auf der Bühne erlebt, ist ganz deutlich, dass die zierliche Sängerin mit der großen Stimme das Herzstück von Morcheeba bildet. Auch an den Fans kann man erkennen, dass diese Band schon eine ganz schön lange Geschichte hat – das Durchschnittsalter liegt mindestens bei vierzig. Und zu allem Überfluss hat Skye auch noch ihren Sohn als Drummer mit ins Boot geholt, der – wie sie gerne kichernd erzählt – schon seine ersten Schritte als Kleinkind während einer Tournee gemacht habe. Da rockt jetzt nicht wirklich die Hütte, aber darauf ist die Musik von Morcheeba bei aller Liebe auch nicht ausgelegt. Dafür kann man sich an diesem grauen Novemberabend in die samtene Stimme von Skye Edwards zurücklehnen wie in eine warme Badewanne und einfach nur genießen.

Ein funkelnder Sternenhimmel leuchtet auf der dunklen Bühne und wird nur überstrahlt von dem golden schimmernden, antik anmutenden Kranz, den Sängerin Skye auf dem Kopf trägt. Beinahe minimalistisch wirkt das Set, in dessen Mittelpunkt die zierliche und doch so präsente Person steht. Ein Augen- und Ohrenschmaus ist die Bühnenshow von Morcheeba ohne Zweifel und die musikalische Qualität bleibt unbenommen, aber trotz der Freude an all den alten Hits bleibt doch ein wenig die Frage, warum um Himmels willen die Band so gut wie kein Stück von ihren beiden letzten Alben „Blood Like Lemonade“ und „Head Up High“ – das Letztere erst im vergangenen Jahr erschienen – spielt? Trauen sie sich nicht, weil sie wissen, dass diese Stücke eher seicht und wenig tanzbar sind, beinahe poppig? Morcheeba konzentrieren sich live lieber auf die guten alten Klassiker wie „Trigger Hippie“, „Otherwise“ oder „Over and Over“. Das kommt an und macht auch immer noch Spaß, aber irgendwie haben wir dann doch mehr erwartet. Irgendetwas Neues, Andersartiges, eine Weiterentwicklung, ein Frischekick.

Und dann, ein paar Tage später, diese Entdeckung: ein neues Album von My Brightest Diamond, dem großartig verfrickelten Projekt von Shara Worden, das mir im letzten Jahr mit „All Things Will Unwind“ über den Weg gelaufen ist. Shara Worden wird oft mit Kate Bush verglichen und die Platten von My Brightest Diamond haben tatsächlich etwas ähnlich Elfenhaftes, Verspieltes und zugleich musikalisch hoch Anspruchvolles. Klingt anstrengend, was es auf „All Things Will Unwind“ zum Teil auch wirklich war, auf „This is my Hand“ mit seinen teilweise rockigen, dann wieder elektronischen, minimalistisch klaren Klängen überhaupt nicht ist. Dass es dabei ab und zu mal ein bisschen kratzt und ziept, gehört dazu und macht die Musik von Shara Worden lebendig.

Das musikalische Multitalent wuchs als Musikerkind auf und sog Gospel, Klassik und Jazz quasi mit der Muttermilch auf. Nach ihrem klassischen Musikstudium in Texas und New York mit dem Abschluss als Opernsängerin gründete sie zusammen mit Kollegen die experimentelle Formation AwRY. Daneben trat sie aber auch in Streichquartetten und als Singersongwriterin auf. My Brightest Diamond gründete sie 2003 und veröffentlichte unter diesem Projektnamen mehrere musikalisch heterogen ausgerichtete Alben. Worden bewegt sich mit ihren unterschiedlichen Projekten immer zwischen allen Genres und Stilen. Die musikalische Bandbreite reicht von der Barockoper bis zu Elektronischer Musik, ein Markenzeichen – wenn man davon überhaupt reden kann – ist die orchestrale Besetzung mit teils fetten, teils spielerisch leichten Bläser- und Streichersets, immer wieder gebrochen durch E-Gitarren-Klänge und den eigenwilligen Gesang. Mit Songs wie „Dragonfly“ muss sie sich hinter Künstlerinnen wie Björk oder P.J. Harvey nicht verstecken. Ihre Bühnenshows sind eher Performances als reine Konzerte – dort tritt sie in bunten Fantasiekostümen auf, die an Varietés oder Zirkuskünstler erinnern, im knallroten Kimono, mit gelbem Bauarbeiterhelm und buntem Oberteil voller Miniluftballons oder mit schwarzen Federn auf dem Rücken wie ein dunkler Engel. Das passt hervorragend zur experimentellen opernhaften Breite von „All Things Will Unwind“ mit dem Ohrwurm „High Low Middle“ oder dem Gänsehautstück „She Does Not Brave the War“.

Auf dem Albumcover von „This Is My Hand“ präsentiert sie sich optisch minimalistisch und so ist auch ihre Musik nun um alles Opulente, Orchestrale reduziert. Vielmehr spielt sie mit ihrer soulig-rockig-klassischen stimmlichen Bandbreite und kehrt zugleich zu den eher rockigen und punkigen Anfängen zurück. Dabei ist ihre Musik immer durchdacht und hat häufig Bezüge zur klassischen Musik, zu Literatur oder gar zur zeitgenössischen Kunst wie etwa zu Bildern von Anselm Kiefer. Man kann das intellektuell nennen und elitär schimpfen, aber Worden nimmt diesen Urteilen mit ihrem unkomplizierten Auftreten gleich den Wind aus den Segeln. Zu ihrem neuen Album schreibt sie selbst auf ihrer Webseite, es sei sehr inspiriert durch das Phänomen sogenannter Marching Bands, vergleichbar im deutschen Sprachraum am ehesten noch mit den im Aussterben begriffenen Spielmannszügen und wieder neu belebt durch die Begeisterung für Balkan Brass. Das ist schon auf dem ersten Track „Pressure“ nicht zu überhören, der mit eingängigem Trommelwirbel beginnt. „In the States“, erklärt die Künstlerin, „the marching band is something that is done in school, so it still represents something inclusive, something that anyone can learn. I loved the communal quality and the way that drums and horns travel in large three-dimensional spaces.“

Meine persönlichen Favoriten neben dem sphärisch-melancholischen „This Is My Hand“ sind das groovige „Lover Killer“ und das ganz und gar rockige „I Am Not The Bad Guy“. Shara Worden ist eine Künstlerin, die neugierig bleibt und sich beständig weiterentwickelt. Und auch wenn sie, wie Matthias Strzoda auf dem Zeit-Blog nach ihrem Hamburgkonzert bemängelt hat, „noch“ keinen Hit gelandet hat, werden wir mit Sicherheit noch viel von ihr hören. Und dürfen uns zugleich die Frage erlauben, ob ein Hit überhaupt das Ziel einer solchen Künstlerin ist und sein kann.

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