Der wunderbare Wanderzirkus: Der Film zum 3000Grad-Festival

Eine meiner Lieblingsbands der letzten Jahre ist das Skazka Orchestra aus Berlin. Die russisch-deutsche Formation um die Gründer Artur Gorlatschov (Gitarre), Valentin Butt (Akkordeon) und Elena Shams (Schlagzeug) spielen einen wilden Mix aus Ska, Folk, Jazz, Funk und Techno, bei dem einfach niemand stillsitzen kann. Es ist ja immer ein kleines Phänomen, wenn Musiker, die ihre Texte nicht auf Deutsch oder Englisch verfassen, im deutschen Sprachraum erfolgreich sind. Skazka singen überwiegend auf Russisch und dieser Einschlag zeigt sich auch in den Märchenmotiven, die in ihren Titeln und Videos eine große Rolle spielen. Aus der Szene rund um Berlin sind die Skazkas jedenfalls nicht mehr wegzudenken. Und wenn man mal ein Konzert besucht, sei man vorgewarnt: Ehe man es sich versieht, ist die Nacht durchtanzt. Dabei sind die einzelnen Mitglieder nicht nur verrückte Spielkinder, sondern – sozusagen im Paralleluniversum – klassisch ausgebildete Musiker, die sich auch im Zusammenspiel mit den Berliner Philharmonikern oder der WDR Big Band sehen lassen können. Und so, wie sie sind, passen die mittlerweile fünf Köpfe von Skazka ganz wunderbar zum 3000Grad Festival, auf dem sie regelmäßig auftreten.

Hinter diesem Festival steckt das Mecklenburger Label 3000Grad, und ganz am Anfang stand die Idee, nicht kommerzielle, selbst finanzierte Technopartys auf die Beine zu stellen. 3000Grad engagierte sich dabei von den ersten Anfängen als Fortschritt 3000 an sehr bewusst gegen Rassismus, für Weltoffenheit und kulturelle Vielfalt – das braucht es nicht nur in Mecklenburg-Vorpommern. Dieses Bundesland kann sich zumindest über die Dichte von Festivals nicht beklagen – bekannte wie die Fusion, weniger bekannte wie das zauberhafte Immergut oder die halblegale und ganz geheime Sea U-Site. Das Besondere am 3000Grad ist nun, dass es sich nicht nur um ein Event mit einer festen Location handelt, sondern auch um ein Wanderfestival, einen Wanderzirkus, wie die Macher es selbst nennen. Zusammen mit vielen Mitstreitern organisiert und betreibt der Musiker Ronny Mollenhauer aka Mollono.Bass das nicht kommerzielle 3000Grad jedes Jahr aufs Neue und an den verschiedensten Orten – von Wustrow bis nach Amsterdam. Es ist eine Lebenseinstellung, vielleicht sogar ein Lebensgefühl, das manchmal an die legendäre Berliner Bar 25 erinnert, so, wie sie einmal war: zusammengezimmerte und liebevoll bemalte Holzaufbauten, aufwändige Kostüme und Requisiten, eine Melange aus Kunst, Performance und Musik mit einer überquellenden Fülle an Fantasie. Alles mit dem Ziel, zumindest für begrenzte Zeit zu träumen und zu staunen. Einen „Spielplatz für Erwachsene“ nennt das Mollenhauer selbst.

In den vergangenen Jahren hat der Filmemacher Henri Tonn zusammen mit dem Kameramann Andreas Radke das 3000Grad-Festival begleitet, im wahrsten Sinne des Wortes von der Kuhweide in Wustrow bis nach Berlin, Hamburg und sogar Montpellier. Entstanden ist auf diese Weise ein Dokumentarfilm, der nicht nur atmosphärische Momente vom Festival selbst einfängt, sondern auch Einblicke hinter die Kulissen von der Planung bis zum Aufbau gibt. Und nicht zuletzt kommen die Macher natürlich selbst zu Wort, deren Leben sich irgendwo zwischen Seenplatten-Angleridyll und Technotempel bewegt. Der Film sollte genauso wenig kommerziell sein wie das Festival, daher haben Tonn und Radke ihn für die Postproduktion auf der Crowdfunding-Plattform Startnext beworben. Nun ist es geschafft: „3000 Grad – Von Wustrow nach Paris“ ist fertig und wird aktuell an ausgewählten deutschen Veranstaltungsorten vorgestellt. Über die DVD dürfen sich bisher ausschließlich die fleißigen Spender freuen, aber trotz aller Einsicht in die Hintergründe hoffe ich ja ein wenig, dass sie früher oder später auch im Handel erhältlich sein wird. Wenn alle Stricke reißen, bleibt noch das Festival 2015, und zumindest der Trailer und ein erster Ausschnitt sind im Internet zu finden.

Um den Bogen zum Anfang zurückzuschlagen: Ein fester Bestandteil von Festival wie Film sind die Musik und die Akteure vom Skazka Orchestra. Das verwundert nicht weiter, denn die Band ist bei Ronny Mollenhauers Label Acker Records unter Vertrag und darüber hinaus eng mit 3000Grad verbandelt. Trotzdem ist es einfach schön zu sehen, wie die handgemachte, rein akustische Musik der Formation nicht nur ins Festivalkonzept passt, sondern auch beim Publikum ankommt.

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