Neuentdeckt und wiederentdeckt: Ganes und Hubert von Goisern

Ganes

Quelle: ganes-music.com

Heute verrate ich ein peinliches Detail aus meiner Vergangenheit: Ich habe mal Akkordeon gespielt. Damals gab es noch keinen Tango-Hype und das Akkordeon galt vor allem als „Schifferklavier“, auf dem man Volkslieder und Schlager spielte. Nicht besonders cool, vor allem nicht als Teenager. Aber: Es gab Hubert von Goisern, und der hat mich ein bisschen mit meinem Instrument versöhnt. Er war der erste Künstler, den ich kannte, der das Akkordeon und die Volksmusik neu interpretiert und ein Crossover mit Rock- und Popmusik, später dann mit Weltmusik gewagt hat – ähnlich wie es Nigel Kennedy ungefähr zur selben Zeit als Geiger im Bereich der klassischen Musik gemacht hat. Ich bin jetzt nicht so der Fan von Alpenrock, aber Hubert von Goisern finde ich als Künstler trotzdem sehr beeindruckend, weil er sich beständig mit neuen Strömungen und Einflüssen auseinandersetzt und sich dabei selbst auch immer wieder neu erfindet. So zuletzt vielleicht mit seiner Linz-Europa-Tour 2007–2009, für die er jede Menge Musiker einlud, mit ihm auf einem Schiff die Donau hinunterzufahren und Konzerte zu geben. Der dabei entstandene Dokumentarfilm „Goisern goes East“, der immer noch sehenswert ist, zeigt vor allem die vielfältige Musikkultur, die von Goisern auf dieser Reise entdeckte. Wahrscheinlich hat er damit auch zur Neuentdeckung der Balkanmusik in Westeuropa beigetragen.

In dem Film sind auch die Schwestern Elisabeth und Marlene Schuen sowie ihre Cousine Maria Moling zu sehen, damals noch als Background-Sängerinnen und Musikerinnen für Hubert von Goisern. Die drei stammen aus dem Südtiroler Gadertal und entwickelten während der Linz-Europa-Tour ihre Idee, gemeinsam als unabhängige Formation aufzutreten. Seitdem nennen sie sich Ganes, nach Südtiroler Fabelwesen, eine Art Wassernixen vermutlich. Die Ganes, so heißt es, bringen ein Leben lang Unglück, wenn man sie beleidigt. Ein klug gewählter Name im Hinblick auf zukünftige Kritiken … Die drei Feen, äh: Frauen gehören zu den wenigen Zehntausend, die noch Ladinisch verstehen und sprechen, einem vom Aussterben bedrohten romanischen Dialekt im italienischen Alpenraum. Und in dieser Sprache, ihrer Muttersprache, verfassen sie auch den Großteil ihrer Texte. Die Musik der Drei dagegen hat kaum etwas mit Volksmusik zu tun – sie ist funkig, soulig, groovig und auch elektronisch beeinflusst. Nur aus dem dreistimmigen Gesang mag man heraushören, woher die Ganes kommen und wo ihre Wurzeln sind. Sie sind mit Musik aufgewachsen, haben alle Musik studiert und ihren so geprägten Horizont beständig erweitert.

Gadertal

Im Gadertal, der Heimat der Ganes

Auf ihrer Webseite kann man in das neue Album „Caprize“ reinhören, das im August erscheinen soll. Und was man da zu hören bekommt, ist wirklich umwerfend – umwerfend schön, seltsam, grenzüberschreitend, träumerisch und innovativ. Nach diesem ersten Eindruck kann man schon feststellen, dass sich Ganes erstaunlich weiterentwickelt haben und extrem gereift sind. Dabei bleiben sie ihren Wurzeln nicht nur sprachlich, sondern auch musikalisch treu. Während die vorigen Alben sehr jazzig und manchmal auch sehr poppig sind, zeigt sich auf „Caprize“ ein noch reinerer, teils minimalistischer Klang mit einem stärkeren Fokus auf die einzelnen Stimmen, manchmal auch Instrumente wie Geige oder Klavier, und insgesamt einer stärker elektronischen Ausrichtung. Das wirkt mutig und experimentell, immer ungewöhnlich und überraschend, zugleich aber auch sehr entspannt und leicht. Mein persönlicher Favorit ist das melancholisch-mollige „Sirena“, mit „I te diji no“ gibt es aber auch ein leicht-beschwingtes Sommerstück, und „Bang Bang“ ist am Ende eine rock’n’rollige Überraschung. „Caprize“ wird ganz sicher mein neues Reisealbum für lange Auto- und Zugfahrten. Und in meinem Sommerurlaub, der mich unter anderem auch nach Südtirol führt, werde ich die Augen aufhalten nach den Ganes.

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