Schlechte Nachricht oder Neuanfang? Aufgang/Francesco Tristano

Eigentlich wollte ich an dieser Stelle irgendwann mal über „Aufgang“ schreiben, eine Band, die auf einmalige Weise Klassik und Techno verbindet – und zwar so, dass sie nicht nur in Klubs und auf Festivals auftritt, sondern die Leute zu ihrer Musik tatsächlich tanzen. Ich habe sie erst im letzten Jahr so richtig für mich entdeckt, als sie unter anderem auch in Mannheim ihr zweites Album „Istiklaliya“ vorgestellt haben. Und so etwas hat es in dieser Form zuvor wirklich noch nicht gegeben: Drei klassisch ausgebildete Musiker – zwei Pianisten und ein Drummer – spielen in wahnsinnigem Tempo einen anarchischen Mix aus Klassik und Elektro, werden zum Bachfestival in Leipzig ebenso wie zum Sónar nach Barcelona eingeladen. Man kann das „Crossover“ nennen, eigentlich aber – so hat man den Eindruck – leben diese Jungs einfach nur ihre Musik, jenseits von Genres und Kategorien. Und machen dabei richtig Spaß.

Die beiden Pianisten Rami Khalifé und Francesco Tristano haben sich 2000 während ihres Studiums an der New Yorker Julliard School kennengelernt. Man kann sich bildlich vorstellen, wie sie nach dem Auftritt im Konzertsaal oder dem Meisterkurs in die Klubs hinübergezogen sind und da einfach weitergemacht haben. Fünf Jahre später taten sie sich mit dem Percussionisten Aymeric Westrich zu „Aufgang“ zusammen. Tristano galt häufig als Zentrum und Mastermind des Trios, was sicherlich auch mit seinem hohen Bekanntheitsgrad vor allem in Klassikkreisen zu tun hat. Dort wird er als Wunderkind und Enfant terrible zugleich gehandelt, das sich ständig wandelt und Projekten wie einer Zusammenführung ausgerechnet von Johann Sebastian Bach und John Cage widmet (bachCage, 2011). Auch als Solokünstler experimentierte er schon mit der Verbindung von Klassik und Techno (Not for Piano, 2007).

Und jetzt kommt die schlechte Nachricht: Rami Khalifé und Aymeric Westrich haben sich schon im Februar von Francesco Tristano getrennt und machen zu zweit als „Aufgang“ weiter. Das erfährt man nur aus versteckten Hinweisen auf der Facebook-Seite und auf Tristanos Webseite. Wer sich nun letztlich von wem getrennt hat, ist dabei für das Publikum irrelevant, die Trennung des Trios hat seine Fans trotzdem getroffen. Und die Musiker selbst vermutlich auch. Khalifé und Westrich haben sich in einem sehr mutigen Schritt entschieden, für ihre Fans und ihre Musik weiterzumachen, wie sie selbst es schreiben. Sie haben den Rest der Tour geschmissen, hatten damit Erfolg und basteln mittlerweile schon wieder an neuen Stücken. Auf ihrer Facebook-Seite haben sie ein sehr emotionales Video von einem Song gepostet, der unmittelbar aus der Krisensituation entstanden ist. Bezeichnenderweise haben sie ihn „Salvation“ genannt. Es bleibt abzuwarten, was folgt. Kann sein, dass „Aufgang“ poppiger und seichter werden, kann aber auch sein, dass sie sich interessant weiterentwickeln werden.

Und Tristano? Um den muss man sich sicherlich keine Sorgen machen. Derzeit tourt er mit seiner Kollegin Alice Sara Ott – ebenfalls einem jungen Shootingstar am Klassikhimmel – mit ihrem gemeinsamen Projekt „Scandale“. In dessen Zentrum steht die Interpretation von Igor Strawinskis „Le sacre du printemps“, das der für die Ballets Russes von Sergei Djagilew komponierte und bei der Uraufführung in Paris ebenfalls für einen handfesten Skandal sorgte. Tristano will augenscheinlich weiter provozieren, experimentieren und Grenzen überschreiten. Ob er dieses Image in Zukunft künstlerisch oder kommerziell ausschlachtet, bleibt ebenfalls abzuwarten. Bisher wurde er ja immer gerne von einem David Garrett abgehoben, der sich in seinem Popimage verloren hat. „… the spirit of provocation, something as old as art itself and which will always be the driving force behind any significant artistic movement.“ (Quelle: www.francescotristano.com)

Bei der Uraufführung von „Le sacre du printemps“ soll eine Zuschauerin ausgerufen haben: „Hilfe, ein Verrückter!“ Und das war ungefähr dasselbe, was ich bei meiner ersten Begegnung mit Tristanos Musik dachte. Könnte aber auch für seine übrig gebliebenen Band-Kollegen von „Aufgang“ gelten.

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