Stadt Wand Kunst I: Herakut/The Giant Storybook Project

Mit traurigen großen Augen schaut das Mädchen in die Weite, den Blick leicht nach oben gerichtet. Auf dem Kopf trägt es eine Vogelmaske, dessen Federn sich mit dem Haar des Kindes vermischen. Das Mädchen steht barfuß auf Zehenspitzen und in seinen Waden stecken Pfeile. Das in Blau- und Brautönen gehaltene Bild hat in seiner Formgebung etwas Leichtes, Durchscheinendes, Aquarellartiges. Das ist ungewöhnlich, denn es wurde gesprayt. Insgesamt ist das Kunstwerk an die zwanzig Meter hoch – es befindet sich an einer eigentlich tristen Hausfassade, genau genommen an einem Wohnblock in einer eher stillen Ecke der Mannheimer Innenstadt. Neben der Figur steht in zackiger Schrift der Text „Meine Super-Heldenkraft ist das Verzeihen“ in Deutsch, Türkisch und Englisch. Trotz seiner Größe wirkt das Mural beinahe zart, zerbrechlich. Verstehen kann man es inhaltlich nur, wenn man seinen Hintergrund kennt.

Meine Superheldenkraft ist das Verzeihen

Das Werk des Künstlerduos Herakut ist eingebettet in zwei größere Zusammenhänge. Zum einen bildet es den Auftakt der Aktion „Stadt.Wand.Kunst“, mit der in Mannheim nach und nach Kunst im öffentlichen Raum geschaffen werden soll. Dazu werden Streetart-Künstler aus der ganzen Welt in die Stadt eingeladen. Zum anderen ist das Bild von Herakut aber auch Teil einer Geschichte, die das Duo über die ganze Welt verstreut erzählt, und das ist ein bisher wirklich einmaliges Projekt. „The Giant Storybook Project“ besteht aus bisher vierzehn Einzelbildern, die Herakut in San Francisco, Toronto, Rochester, St. Ottilien, Melbourne, Kathmandu, Berlin, Frankfurt am Main oder Bad Vilbel geschaffen hat. Zusammengesetzt werden sie in Zukunft ein riesiges, weltumfassendes Kinderbuch ergeben, das die Geschichte der Geschwister Jay und Lily erzählt, die in zwei gegensätzlichen Welten aufwachsen – einer totalitären und einer libertären. „The Giant Storybook“ ist ein Märchen im eigentlichen Sinne: zum Teil sehr düster, nichts beschönigend, aber weise und lebensklug und voller Hoffnung. Entsprechend sind auch die einzelnen Murals im für Herakut typischen Stil märchenhaft, fantasievoll, poetisch.

Jedes einzelne Bild wurde auf die Stadt, in der es verwirklicht wurde, abgestimmt und hat etwas mit ihr zu tun. So zeigt etwa das Bild in Frankfurt am Main eine Mutter mit einem Baby mit aus dem Gesicht geschobenen Masken und der Zeile „There is something better than perfection“. Auch in Mannheim hat die Darstellung von Lily, die trotz Schmerzen aufrecht steht und ihre Kraft aus dem Verzeihen zieht, konkrete Bezüge. 2012 wurde ausgerechnet hier ein Kunstwerk von Herakut übersprüht und zerstört.

Herakut sind die beiden Streetartisten Jasmin Siddiqui (Hera) aus Frankfurt am Main und Falk Lehmann (Akut) aus Schmalkalden, die seit 2004 zusammenarbeiten. Auch sie vereinen in ihrer Arbeit Gegensätze, indem sie ihre jeweiligen Techniken und künstlerischen Stärken zusammenbringen. Aktuell haben sie sich für syrische Flüchtlinge in Jordanien engagiert; auch das ist ein herausragendes Projekt (coloursofresilience.com).

Auf youtube gibt es einen Film über die Entstehung des Murals in Mannheim, der auch sehr schön zeigt, wie Herakut arbeiten. Und wer einen ersten Blick ins Buch werfen will, wird hier fündig: http://vimeo.com/63663244. Ich bin jedenfalls sehr gespannt auf das gedruckte Buch, das hoffentlich irgendwann erscheinen wird.

 

 

 

 

 

 

Ein Gedanke zu „Stadt Wand Kunst I: Herakut/The Giant Storybook Project

  1. Pingback: Apfelbäumchen an der Brandwand | Kulturstrandgut

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.