Archiv für den Monat: Juli 2016

Giraffen, Straßenfeger und ein Glockenspiel: Das Straßentheaterfestival in Ludwigshafen

Müde schieben die beiden Straßenfeger ihre Besen vor sich her. Sie foppen einander ein wenig, vielleicht aus Langeweile, dann wird aus ihrer Mülltonne eine wandelbare Requisite, ihre Besen werden zu Vogelschwingen und sie selbst schließlich zu römischer Wagenlenkerin und Zugpferd – in Zeitlupe, wohlgemerkt. Das Duo Gi-Jo aus den Niederlanden und aus Österreich begeistert beim 17. Straßentheaterfestival in Ludwigshafen mit einer Mischung aus Clownerie, Akrobatik und Illusion durch eine schier unendlich wandelbare Requisite. Dieser Mix aus körperlichem Können, Humor und Fantasie begeistert das breit gefächerte Publikum am Rathausplatz. Das renommierte Festival in der Metropole am Rhein ist bekannt für die große Kunst internationaler Ensembles aus den unterschiedlichsten Genres von Tanz, Pantomime über Theater, Illusion bis zu Musik und Walk-Acts.

Cia La Tal Pantomime

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Der Traum von Europa: Maria Schraders Film „Vor der Morgenröte“ über Stefan Zweig

Manchmal treffen Ereignisse in unerwarteter, ungeplanter Ironie zusammen. Einen Tag, nachdem sich Großbritannien dafür entschieden hat, die EU zu verlassen, sitzen wir im Kino, und Josef Hader als Stefan Zweig spricht diese Sätze: „Ich glaube an ein freies Europa, dass Grenzen und Pässe eines Tages der Vergangenheit angehören. Ich bezweifle allerdings, dass wir das noch erleben werden.“ Das war 1941, im brasilianischen Exil. 75 Jahre später kann man meinen, dass dieser Traum schon wieder ausgeträumt ist. Der österreichische Schriftsteller Zweig nannte sein letztes Buch, das er im Exil verfasste, „Die Welt von Gestern. Erinnerungen eines Europäers“. Auch das ist ein Buchtitel, den es heute beinahe auch wieder so geben könnte. Wir wollen es nicht hoffen. Zweigs Erinnerungen erschienen posthum – er nahm sich gemeinsam mit seiner zweiten Frau im Exil das Leben. Maria Schrader hat sich behutsam und klug den letzten Jahren des großen Europäers genähert. Sie kann dabei kaum beabsichtigt haben, welche Aktualität ihr Film zur Zeit seines Erscheinens bekommen sollte.

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© X Verleih, Stefan Zweig (Josef Hader) in Petrópolis

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Apfelbäumchen an der Brandwand

Ich war endlich mal wieder in Berlin, und da musste ich natürlich auch zu einem der neuesten Werke von Herakut pilgern. Schon länger bin ich ja ein Fan des Streetart-Duos, das seine träumerisch-zarten Bilder vorwiegend als riesige Murals überall in der Welt hinterlässt. (Mehr dazu hier) Im letzten Jahr entstand an einer Brandwand im Stadtteil Prenzlauer Berg das hoffnungsvolle Bild einer Mutter mit zwei Kindern, die als Apfelbäumchen stilisiert wurden. Dazu schrieben Herakut den berühmten, Martin Luther zugeschriebenen Satz: „Wenn ich wüsste, dass die Welt morgen untergeht, würde ich heute einen Apfelbaum pflanzen.“ Das Duo hatte zuvor auf seiner Facebook-Seite den Aufruf gestartet, den Satz in andere Sprachen zu übersetzen. Es bekam erstaunlich viele Antworten, sodass die auf dem fertigen Mural nachzulesenden 20 Versionen nur eine Auswahl darstellen.

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