Archiv der Kategorie: Film

Der Traum von Europa: Maria Schraders Film „Vor der Morgenröte“ über Stefan Zweig

Manchmal treffen Ereignisse in unerwarteter, ungeplanter Ironie zusammen. Einen Tag, nachdem sich Großbritannien dafür entschieden hat, die EU zu verlassen, sitzen wir im Kino, und Josef Hader als Stefan Zweig spricht diese Sätze: „Ich glaube an ein freies Europa, dass Grenzen und Pässe eines Tages der Vergangenheit angehören. Ich bezweifle allerdings, dass wir das noch erleben werden.“ Das war 1941, im brasilianischen Exil. 75 Jahre später kann man meinen, dass dieser Traum schon wieder ausgeträumt ist. Der österreichische Schriftsteller Zweig nannte sein letztes Buch, das er im Exil verfasste, „Die Welt von Gestern. Erinnerungen eines Europäers“. Auch das ist ein Buchtitel, den es heute beinahe auch wieder so geben könnte. Wir wollen es nicht hoffen. Zweigs Erinnerungen erschienen posthum – er nahm sich gemeinsam mit seiner zweiten Frau im Exil das Leben. Maria Schrader hat sich behutsam und klug den letzten Jahren des großen Europäers genähert. Sie kann dabei kaum beabsichtigt haben, welche Aktualität ihr Film zur Zeit seines Erscheinens bekommen sollte.

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© X Verleih, Stefan Zweig (Josef Hader) in Petrópolis

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Das Familienleben als Handbremse – Mary Trunk zeigt Künstlerinnen als Mütter und umgekehrt

Über berufstätige Mütter und die Vereinbarkeit von Beruf und Familie wurde schon viel gesagt und geschrieben. Dass Mütter arbeiten und auch jenseits ihrer Mutterschaft Erfüllung in etwas finden, ist in unserer Gesellschaft heute nichts wirklich Besonderes mehr – auch wenn es immer mal wieder infrage gestellt wird. Dass es eine Herausforderung ist, zwischen Familie und Arbeit zu balancieren (man muss ja nicht immer gleich von „Karriere“ sprechen), weiß jede Mutter, die diesen Weg für sich sucht. Sie ringt mit allgegenwärtiger Müdigkeit, ständigem Aushandeln an allen Fronten, dringenden Abgabeterminen und Bastelnachmittagen in der Kita, dem Gefühl, keiner von beiden Seiten hundertprozentig gerecht zu werden. Weniger wird aktuell vielleicht über die positiven Seiten dieses Balanceakts gesprochen: die Erfüllung und Zufriedenheit, die – nicht nur finanzielle – Unabhängigkeit der Frau und auch die gestärkte Rolle der Väter in den Familien.

Eine Berufsgruppe, in der die Frage nach der Vereinbarkeit von Beruf und Familie besondere Bedeutung hat, sind Künstlerinnen. In ihrem Fall bedeutet die berufliche Tätigkeit nicht nur Erfüllung, sondern mehr noch: Hingabe und Leidenschaft. Sie ist ein Teil der eigenen Persönlichkeit, des eigenen Ich. Die Arbeit von Künstlerinnen bedeutet phasenweises Abtauchen, Abgrenzung, innere Abwesenheit. Das scheint wenig vereinbar zu sein mit den Anforderungen des Familienlebens, wenn man ein oder mehrere Kinder aufzieht. Die US-amerikanische Filmemacherin Mary Trunk, selbst Mutter einer Tochter, hat vier Künstlerinnen begleitet, die zugleich Mütter sind. Herausgekommen ist ein absolut sehenswerter abendfüllender Dokumentarfilm mit dem sprechenden Titel „Lost in Living“.

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Kritisch hinterhergebloggt: Film ohne Frauen? / 9. Mannheimer Clipaward

„Männer zeigen Frauen & Frauen ihre Brüste“ heißt die filmische Auseinandersetzung von Isabell Šuba mit dem männerdominierten Filmbusiness, der im August im Kino angelaufen ist. Šuba will mit ihrem Film darauf aufmerksam machen, dass es auch in ihrer Branche keine Chancengleichheit gibt, dafür aber noch jede Menge „gläserne Decken“ für Frauen, die nicht vor, sondern hinter der Kamera stehen wollen. Anlass für den Film war Šubas Kurzfilm „Chica XX Mujer“, mit dem sie 2012 zum Filmfestival nach Cannes eingeladen wurde. In diesem Jahr, so stellte die Regisseurin fest, lief kein einziger Film einer Frau im Wettbewerb. Eine ähnliche Erfahrung machte ich neulich auf dem Kurzfilmfestival Clipaward in Mannheim. Ich war nur als Zuschauerin da, aber ich fragte mich trotzdem, was mit den Frauen passiert war. Weiterlesen