Archiv der Kategorie: Theater

Giraffen, Straßenfeger und ein Glockenspiel: Das Straßentheaterfestival in Ludwigshafen

Müde schieben die beiden Straßenfeger ihre Besen vor sich her. Sie foppen einander ein wenig, vielleicht aus Langeweile, dann wird aus ihrer Mülltonne eine wandelbare Requisite, ihre Besen werden zu Vogelschwingen und sie selbst schließlich zu römischer Wagenlenkerin und Zugpferd – in Zeitlupe, wohlgemerkt. Das Duo Gi-Jo aus den Niederlanden und aus Österreich begeistert beim 17. Straßentheaterfestival in Ludwigshafen mit einer Mischung aus Clownerie, Akrobatik und Illusion durch eine schier unendlich wandelbare Requisite. Dieser Mix aus körperlichem Können, Humor und Fantasie begeistert das breit gefächerte Publikum am Rathausplatz. Das renommierte Festival in der Metropole am Rhein ist bekannt für die große Kunst internationaler Ensembles aus den unterschiedlichsten Genres von Tanz, Pantomime über Theater, Illusion bis zu Musik und Walk-Acts.

Cia La Tal Pantomime

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Von tanzenden Robotern und tanzenden Menschen. Ein Besuch im ZKM Karlsruhe

Was macht man an einem grauen, verregneten Feiertag, an dem der Schnee, der eigentlich da sein sollte, ausfällt und es draußen einfach keinen Spaß macht? Wir sind zum Tag der offenen Tür ins Zentrum für Kunst und Medientechnologie (ZKM) in Karlsruhe gefahren. In dem riesigen ehemaligen Industrieareal, das seit über zwanzig Jahren Medienkunst präsentiert und fördert, haben wir mit Flüchtlingen getanzt, eigene Kunstwerke gestaltet und über neue Technologien gestaunt.

Das ZKM in Karlsruhe

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Ein Traum von Angst und Freiheit. Shakespeares‘ „Sturm“ in der Neckarstadt-West

„Angst“ ist das erste Wort des Stücks. Es hallt hinauf aus dem eng wirkenden Innenhof des Alten Volksbads in den freien Himmel hoch über den Zuschauern. Sie sitzen auf Bierbänken auf dem hochgezogenen Gerüstbau, der in seiner Anmutung nicht unbeabsichtigt an das alte Londoner „Globe Theatre“ erinnert. Denn hier, ausgerechnet hier, im kreativen Herzen der wilden Neckarstadt-West, wird Shakespeares „Sturm“ gegeben – gespielt von bulgarischen und deutschen Laienschauspielern, zweisprachig, inszeniert von Ludwigshafens langjährigem Pfalzbau-Intendanten Hansgünther Heyme, der sich hier augenscheinlich einer echten Herzensangelegenheit widmet.

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Zeitloser Zauber im Jugenstilambiente: „Nordic Lights and Sounds“ im Herschelbad

Thomas Siffling und Alexandra Lehmler sind derzeit aus der regionalen Jazz-Szene nicht mehr wegzudenken. Jetzt haben der Trompeter und Produzent und die Klarinettistin und Saxofonistin, die im letzten Jahr mit dem Jazzpreis Baden-Württemberg ausgezeichnet wurde, eine besondere und etwas andere Veranstaltung bereichert: Mit ihren Klängen untermalten sie im Jugendstilambiente des Mannheimer Herschelbads die Lichtinstallationen von Benjamin Jantzen und nicht zuletzt die beeindruckende Performance der „Synchronixen“. Unter dem Motto „Nordic Lights and Sounds“ verwob sich alles zu einem träumerisch-sphärischen Ganzen, das einen für eine gute Stunde unter dem Mannheimer Nachthimmel davontragen konnte. Musikalisch unterstützt wurden Thomas Siffling und Alexandra Lehmler von Alex Gunia an Gitarre und Computer. Dazu brachte Benjamin Jantzen passende Lichteffekte in die hohe Frauenschwimmhalle des Herschelbads.

Northern Lights in der Frauenschwimmhalle

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Zwei Herren, die Liebe und ziemlich viel Verwirrung: Kevin O’Days „2 Gents“ im Mannheimer Nationaltheater

Gerade erst ist bekannt geworden, dass Mannheims Ballettintendant Kevin O’Day zum Ende der nächsten Spielzeit das Nationaltheater verlässt. Hintergrund des Abschieds ist die Dauer seiner Anstellung in Mannheim. Seit 2002 leitet er die Ballettsparte am Nationaltheater, seit der Reform des Hauses 2013 trägt er sogar den Intendantentitel, aber nach fünfzehn Jahren würde er einen Unkündbarkeitsstatus erreichen. Die Verantwortlichen sprechen nicht zu Unrecht von der künstlerischen Notwendigkeit des Wandels, und O’Day selbst verspricht dem Mannheimer Publikum eine „spannende Abschiedsspielzeit“. Nach dem Einschlag dieser Nachricht wirkt die Premiere von „2 Gents“, dem Abschluss seiner Shakespeare-Trilogie, beinahe wie eine erste, spielerisch leichte, augenzwinkernde Abschiedsparty.

Valentine und Silvia

Malthe Clemens (Valentine) und Julia Headley (Silvia). Copyright: Christian Kleiner

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Der wunderbare Wanderzirkus: Der Film zum 3000Grad-Festival

Eine meiner Lieblingsbands der letzten Jahre ist das Skazka Orchestra aus Berlin. Die russisch-deutsche Formation um die Gründer Artur Gorlatschov (Gitarre), Valentin Butt (Akkordeon) und Elena Shams (Schlagzeug) spielen einen wilden Mix aus Ska, Folk, Jazz, Funk und Techno, bei dem einfach niemand stillsitzen kann. Es ist ja immer ein kleines Phänomen, wenn Musiker, die ihre Texte nicht auf Deutsch oder Englisch verfassen, im deutschen Sprachraum erfolgreich sind. Skazka singen überwiegend auf Russisch und dieser Einschlag zeigt sich auch in den Märchenmotiven, die in ihren Titeln und Videos eine große Rolle spielen. Aus der Szene rund um Berlin sind die Skazkas jedenfalls nicht mehr wegzudenken. Und wenn man mal ein Konzert besucht, sei man vorgewarnt: Ehe man es sich versieht, ist die Nacht durchtanzt. Dabei sind die einzelnen Mitglieder nicht nur verrückte Spielkinder, sondern – sozusagen im Paralleluniversum – klassisch ausgebildete Musiker, die sich auch im Zusammenspiel mit den Berliner Philharmonikern oder der WDR Big Band sehen lassen können. Und so, wie sie sind, passen die mittlerweile fünf Köpfe von Skazka ganz wunderbar zum 3000Grad Festival, auf dem sie regelmäßig auftreten. Weiterlesen

World Wide Me: Theaterfestival Schwindelfrei

„We think about death.“ Die beiden Frauen stehen provozierend nah und frontal vor dem Publikum, die eine mit einem permanenten, festgefroren wirkenden Dauerlächeln, die andere mit einem ebenso permanent ernsten Gesichtsausdruck. Ihren ersten Satz lassen sie hart und trocken in die vorherige Stille fallen. Mit ihren nächsten Sätzen und Handlungen nehmen sie die Zuschauer langsam mit in ihr Stück, ihre zwanzigminütige Performance über den Tod und seine mediale Inszenierung. Dabei ist alles gar nicht so eindeutig und einfach, wie es im ersten Moment scheint. Es geht um Kriegsschauplätze und Kriegsberichterstattung und dabei wird nichts ausgelassen, vom Libanon folgen wir den Schauspielerinnen über Gaza in den Sudan und bis nach Vietnam. Weiterlesen

Freche Fläche im Schnawwl

Farbe

Copyright: Christian Kleiner, Quelle: Nationaltheater Mannheim

Ja, ich gebe es zu: „Freche Fläche. Verwandlungen in den Raum“ von Marcela Herrera und Nicole Libnau ist schon über ein Jahr alt. Aber ich bin so begeistert von diesem Kindertheaterstück – oder vielleicht sollte ich eher sagen: dieser Performance –, dass ich einfach noch darüber schreiben muss. Außerdem war es das erste Mal, dass ich mein Kind mit ins Theater genommen habe, also für mich doch eine Premiere. „Freche Fläche“ wurde auch in Heidelberg aufgeführt und ist jetzt zusätzlich mobil von Kindertagesstätten buchbar. Wir – mein Kind, ein Freund mit Mama und ich – sind ins Mannheimer „Schnawwl“ gegangen, das Kinder- und Jugendtheater des Nationaltheaters. Weiterlesen