Archiv des Autors: Kulturstrandgut

Von tanzenden Robotern und tanzenden Menschen. Ein Besuch im ZKM Karlsruhe

Was macht man an einem grauen, verregneten Feiertag, an dem der Schnee, der eigentlich da sein sollte, ausfällt und es draußen einfach keinen Spaß macht? Wir sind zum Tag der offenen Tür ins Zentrum für Kunst und Medientechnologie (ZKM) in Karlsruhe gefahren. In dem riesigen ehemaligen Industrieareal, das seit über zwanzig Jahren Medienkunst präsentiert und fördert, haben wir mit Flüchtlingen getanzt, eigene Kunstwerke gestaltet und über neue Technologien gestaunt.

Das ZKM in Karlsruhe

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Von Mythen, Elementen und Kindern: Ein Besuch im Hans Arp Museum Rolandseck

Es ist der Tag nach den Anschlägen auf Paris, ein ungewöhnlich sonniger, warmer Herbsttag. Das Rheintal zeigt sich von seiner idyllischen Seite. Es ist friedlich hier, sauber, ruhig und schön. In unseren Hinterköpfen bleiben trotzdem die Nachrichten. Und dann dieser Satz, im Museumssaal hoch oben über dem Fluss: „Wir vergaßen auf Augenblicke die qualmende Sinnlosigkeit brütender Trümmerwelt des Krieges.“ Die Kunst hilft, die Realität zu bewältigen, davon war der Bildhauer, Maler und Dichter Hans Arp überzeugt. Und seine Realität war oft eine grausame, feindliche. Unter den Nationalsozialisten als „entarteter Künstler“ verfemt und verfolgt, lebte er viele Jahre heimatlos im Exil. Noch während des Krieges verlor er seine geliebte Frau Sophie Taeuber-Arp durch einen tragischen Unfall – ein Schock und ein Verlust, von dem er sich lange nicht erholte.

"Tanzgeschmeide" mit Blick auf den Rhein

„Tanzgeschmeide“ mit Blick auf den Rhein

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Stille und Sturm ‒ Der Bildband im „Auge der Zeit“ über die gefährdeten Sahara-Kulturen

Die Welt dreht sich im Moment mal wieder irre schnell, und man hat oft keine Vorstellung davon, wie es weitergehen wird. Was passiert da gerade – nun auf einmal auch nicht mehr nur weit entfernt, sondern direkt vor unserer Haustür? Hunderttausende fliehen, es ist eine riesige Völkerwanderung, der IS vernichtet wie eine stupide Maschinerie ein Kulturdenkmal nach dem anderen und auch die Kulturen selbst, das heißt: Menschen. Nordafrika und der Nahe Osten, an deren Konflikte und Diktaturen wir uns aus der Ferne gewöhnt hatten, versinken in einem immer größer scheinenden Chaosstrudel. Die Filmemacherin Désirée von Trotha ist seit vielen Jahren in der Sahara unterwegs, trifft die dort lebenden Nomaden und dokumentiert ihr Leben, ihre Kultur. Auch mit ihrem neuen Bildband „Im Auge der Zeit“, den sie zur Frankfurter Buchmesse vorstellt, will sie festhalten, was vielleicht nicht festzuhalten ist, gegen das Vergessen.

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Copyright: Désirée von Trotha/Cindigo Verlag

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Finnischer Tango im Pfälzer Wald: „Bändi“ am Badehaisl

Und – bumm – da war er: der Herbst. Eben noch haben wir unter der Hitzewelle gepustet und uns gefragt, wie die Wohnung jemals wieder abkühlen sollte und man nachts wieder schlafen könnte. Eben noch haben wir am Abend barfuß mit einem Glas Wein vor der Ferienwohnung gesessen und auf das traumhafte Alpenpanorama geschaut. Eben noch haben die Kinder selbstvergessen am Bach neben dem Grillplatz gespielt. Eben noch haben wir unsere Runden durch das herrlich kühle Wasser des Bergsees gezogen. Und von einem Tag auf den anderen ist der Herbst da – Regen, Kühle, dunklere Abende und die andere Luft, trockene Blätter im Park. Einen letzten Hauch von Sommer oder zumindest Spätsommer sollte das Creole-Weltmusikwochenende nach Wachenheim an der Weinstraße bringen. Im Badehaisl am kleinen Teich unterhalb der Wachtenburg war das Wetter zwar gnädig, der Herbst aber schon ordentlich anwesend. Das wieder passte hervorragend zu „Bändi“, die uns mit finnischem Tango auf die Melancholie der kommenden Zeit einstimmten. Weiterlesen

Ein Traum von Angst und Freiheit. Shakespeares‘ „Sturm“ in der Neckarstadt-West

„Angst“ ist das erste Wort des Stücks. Es hallt hinauf aus dem eng wirkenden Innenhof des Alten Volksbads in den freien Himmel hoch über den Zuschauern. Sie sitzen auf Bierbänken auf dem hochgezogenen Gerüstbau, der in seiner Anmutung nicht unbeabsichtigt an das alte Londoner „Globe Theatre“ erinnert. Denn hier, ausgerechnet hier, im kreativen Herzen der wilden Neckarstadt-West, wird Shakespeares „Sturm“ gegeben – gespielt von bulgarischen und deutschen Laienschauspielern, zweisprachig, inszeniert von Ludwigshafens langjährigem Pfalzbau-Intendanten Hansgünther Heyme, der sich hier augenscheinlich einer echten Herzensangelegenheit widmet.

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(Noch) Keine Fête in Mannheim, dafür aber Musikwelten auf dem Neumarkt

Warum gibt es in Mannheim eigentlich keine Fête de la Musique? In diesem Jahr am 21. Juni habe ich mich das wieder gefragt und mich an die „Fête“ in den letzten Jahren in Berlin erinnert. Immerhin gibt es diese musikalische Feier des Sommeranfangs auch in Deutschland mittlerweile nicht nur im gehypt-gehassten Berlin, sondern auch in vielen anderen Städten. Und Mannheim ist immerhin eine der Musikstädte des Landes – und möchte es auch sein. Seit Ende letzten Jahres darf die Stadt sich UNESCO City of Music nennen, und Frankreich, wo die Idee zur „Fête“ geboren wurde, ist kaum eine Autostunde entfernt. Zwischen Musikhochschule und Popakademie, Alter Feuerwache und Capitol, Jungbusch und Neckarstadt gibt es einiges an Potenzial und viele gute Ideen. Warum also ist es hier nicht möglich – ein stadtumfassendes Straßenmusikfestival mit Freiraum für einen Tag für jeden, der seine Musik öffentlich präsentieren möchte? Über die ganze Stadt verteilte kleine Bühnen (dazu gehört auch jede Straßenecke, an die sich Musizierwillige stellen dürfen), zwischen denen es sich an einem der ersten lauen Sommerabende flanieren lässt?
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Das Familienleben als Handbremse – Mary Trunk zeigt Künstlerinnen als Mütter und umgekehrt

Über berufstätige Mütter und die Vereinbarkeit von Beruf und Familie wurde schon viel gesagt und geschrieben. Dass Mütter arbeiten und auch jenseits ihrer Mutterschaft Erfüllung in etwas finden, ist in unserer Gesellschaft heute nichts wirklich Besonderes mehr – auch wenn es immer mal wieder infrage gestellt wird. Dass es eine Herausforderung ist, zwischen Familie und Arbeit zu balancieren (man muss ja nicht immer gleich von „Karriere“ sprechen), weiß jede Mutter, die diesen Weg für sich sucht. Sie ringt mit allgegenwärtiger Müdigkeit, ständigem Aushandeln an allen Fronten, dringenden Abgabeterminen und Bastelnachmittagen in der Kita, dem Gefühl, keiner von beiden Seiten hundertprozentig gerecht zu werden. Weniger wird aktuell vielleicht über die positiven Seiten dieses Balanceakts gesprochen: die Erfüllung und Zufriedenheit, die – nicht nur finanzielle – Unabhängigkeit der Frau und auch die gestärkte Rolle der Väter in den Familien.

Eine Berufsgruppe, in der die Frage nach der Vereinbarkeit von Beruf und Familie besondere Bedeutung hat, sind Künstlerinnen. In ihrem Fall bedeutet die berufliche Tätigkeit nicht nur Erfüllung, sondern mehr noch: Hingabe und Leidenschaft. Sie ist ein Teil der eigenen Persönlichkeit, des eigenen Ich. Die Arbeit von Künstlerinnen bedeutet phasenweises Abtauchen, Abgrenzung, innere Abwesenheit. Das scheint wenig vereinbar zu sein mit den Anforderungen des Familienlebens, wenn man ein oder mehrere Kinder aufzieht. Die US-amerikanische Filmemacherin Mary Trunk, selbst Mutter einer Tochter, hat vier Künstlerinnen begleitet, die zugleich Mütter sind. Herausgekommen ist ein absolut sehenswerter abendfüllender Dokumentarfilm mit dem sprechenden Titel „Lost in Living“.

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Nihilistisches Gelächter: Das „Neue EnsemblE“ liest Texte verstorbener Prominenter

Nachrufe erfreuen sich als kulturelles Genre einer steigenden Beliebtheit. Im Berliner „Tagesspiegel“ sind sie eine geistreiche, manchmal überraschende und immer lesenswerte Tradition, und seit mehreren Jahren gibt es die wunderbare Reihe „und die Welt steht still …“, in der Lieder und Geschichten zum Klingen gebracht werden, die sich Menschen in Hospizen vor ihrem Tod gewünscht haben. Auch das kleine Mannheimer Theater im Felina-Areal hat schon länger eine solche Reihe im Programm. „Abgang“ heißt sie und gibt in regelmäßigen Abständen – meistens monatlich – in den vergangenen Wochen verstorbenen Prominenten ein letztes Mal eine Stimme. Das Interessante daran ist die kurze Frist der Planung, die damit einhergehende Spontaneität und unvorhersehbare Mischung. Tatsächlich bestimmen Zufall und Schicksal in nicht unerheblichem Maß das Programm einer jeden „Abgang“-Lesung.

Friedhof am Strand

Am Ende bleibt das Meer – verfallener Friedhof auf Fuerteventura

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